Manchmal ist es besser mit keiner Botschaft anzufangen, um eine Botschaft zu formulieren: Oder. Corona und kirchliche Predigt sind keine Freunde

Es ist wirklich mehr als kompliziert in Zeiten der Coronapandemie mal etwas anderes zu denken als daran, welche Auswirkungen dieser Virus auf das Leben hat. 
Die Kirche versucht nun, einen Umgang damit zu finden. Die Livestreams, die aus dem Internetboden schießen, sind unüberschaubar. So hat man jedenfalls das Gefühl, weil es eine Menge Kirchen gibt, die in Zeiten von Kontaktverbot, so Kirche in neue Formen gießen und Kontakt neu definieren. Das ist erstaunlich und bewundernswert. Ich will am Anfang wirklich meine Wertschätzung Ausdruck verleihen. Das meine ich ehrlich. Es sind tolle Projekte und mit Hingabe wird da einiges erreicht. 

Was mich ein wenig verunsichert, sind die Botschaften, die in die Welt gestreamt werden. Denn es gibt meistens die Hinweise, dass man in Zeiten von Angst und Panik keine Angst und keine Panik haben bräuchte. Weil Gott ja helfen wird. Das hört sich sehr christlich an. Mag sein. Aber diese Aussage ist so grundsätzlich, wird mir aber viel zu schnell verteilt. 
Mir geht es so, dass ich über die aktuellen Entwicklungen staune. Die Dynamik, in der wir stecken, wo wir jeden Tag neu überrollt werden von Informationen und damit verbundenen Bewertungen, die unser Leben immer mehr reduzieren. Ich staune, weil Sicherheiten wegbrechen und wir noch gar nicht wissen, was das mal bedeuten wird. Es ist ein unsicheres Staunen, kein bewunderndes. Weil viele Menschen sich an einen neuen Rhythmus gewöhnen müssen, während andere auf eine berufliche Überforderung zusteuern, weil sie das Gesundheitssystem am Laufen halten müssen. Selbstverständlichkeiten brechen weg und werden zu Fragezeichen. Wir müssen irgendwie viele Dinge neu regeln – Und jeden Tag gibt es einen neuen Reglungsbedarf. 

Ich bin weit weg von Panik und Angst. Mein Humor habe ich nicht verloren. Was auch stimmt: Ich mache mir Sorgen um Menschen, die zu den Risikogruppen gehören und an deren Grab ich in naher Zukunft nicht stehen will. Meine Sorge ist weit weg von Panik, Angst und Hoffnungslosigkeit. Mein Zustand ist eher der des sorgenangereicherten ungläubigen Staunens. 
Darum tue ich mich auch schwer, so vielen Autoren und Rednerinnen von christlichen Internet-Botschaften zuzuhören. Denn dort wird in einer Art kurzschlusstheologischer Emsigkeit vor Panik, Hoffnungslosigkeit und Angst gewarnt. Ich habe aber den Eindruck, dass man erst mit eindringlichen und betroffen Stimmen genau das erzeugt, um hinterher eine schöne Bibelstelle draufzukleben. 


Ich hätte mir Livestreams gewünscht, die auf emotionsüberladenen Stimmen verzichten, wo man stimmlich Hoffnung hervorpressen will, indem man betont wie sehr man Gott vertrauen könne, weil man unter dem Schirm des Höchsten sitzt oder das Blut Jesu stärker sei, oder ein geweihtes Wasser purer Segen bedeutet. 
Was gut gemeint ist, betrifft aber vielleicht nur einen Teil der Menschen. Denn die meisten Menschen sind noch im Modus, des Zurechtfindens und Überfordertseins. Darum hätte es noch ganz andere Botschaften geben müssen, als diese gängigen, die nun überall zu hören sind. Wenn Kirche es mit ihrer Kurzschlusstheologie nicht übertreiben würde, könnte sie relevant werden. 


Kurzschlusstheologie bedeutet in diesem Fall, die überstarke Vereinfachung von Realität und das Herstellen von, etwas aufgesetzten, Zusammenhängen. Das geht in Coronazeiten so: Ein solche große Krise, wie die aktuelle, erzeugt bestimmt Angst und Panik und Christen setzen dagegen, dass Gott helfen wird. Manche setzen noch einen drauf und ergehen sich in Appellen, mehr denn je zu beten, weil das Gebet eine Macht ist, man müsse ja nur darauf vertrauen. Dann wird alles anders werden.


Ich finde, dass Kirche in solchen Zeiten etwas zurückhaltender sein sollte mit panikerzeugenden Predigten gegen die Panik, mit Parolen, die am Ende zu flach sind und darum zu Recht verhallen werden. Die Welt da draußen ist gar nicht hoffnungslos, (weshalb es keine Bibeltexte über Hoffnung zur Zeit braucht – was aber noch kommen kann), sondern im Modus des sich neu Erfindens und das jeden Tag. Das ist mit Unsicherheit verbunden und auch Sorgen, auch Überwältigtsein. Aber anstatt über Angst zu reden, sollten wir nicht sagen, was man zu unterlassen hat (Nicht in Panik verfallen, keine Angst haben usw.), sondern, was man konkret machen kann. 

Wer erst Panik schürt, um hinterher ein Bibelvers draufzulegen, ist nicht glaubwürdig


Und das fängt damit an, die Unsicherheit zu zulassen und erstmal die Klappe zu halten und auf alle möglichen Botschaften zu verzichten. Das heißt nicht, dass man nichts sagen kann. Aber was man sagen sollte, sollte nicht im Panikmodus, den man zu bekämpfen sucht, verfasst sein. Die Botschaften sollten in der Momentaufnahme bestehen, das Anerkennen und Registrieren von Krise, von manchmal Nicht-Wissen, was man machen soll, von neuen Möglichkeiten, die sich ergeben, von geforderter Leidenschaft und Kreativität, von einem anstehenden Neusortieren angesichts von Überforderung, Verdrängen und manchen Sorgen.

Ich jedenfalls staune, über diese Krise und das etwas abschreckende Krisenmanagement mancher Kirche. Wobei… das ist auch nebensächlich. Hauptsächlich staune ich wie zerbrechlich unser gewohntes Leben ist… Und welche Herausforderungen das mit sich bringt. Das überblicke ich noch gar nicht. 

Da bin ich froh, über die Streams und Podcast, die dieses Gefühl erst einmal aufnehmen und gekonnt in Sprache kleiden…