Das Buch von Erik Flügge: „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“ – richtig gut! Aber: Etwas zu kurz gedacht

 

Das Buch von Erik Flügge ist wirklich gut, richtig gut! Aber es ist eben auch etwas zu kurz gedacht, was aber nicht schlimm ist. Ist ja nicht sein Job, der Kirche zu sagen, wie es laufen könnte.

Es begann mit einem Blogartikel, ergoss sich in ein Buch und fand ein mehr als erstaunliches Echo in der säkularen und vor allem kirchlichen Landschaft. Erik Flügge machte das Dilemma der Kirche an der Sprache fest. Sprache, die manchmal sehr theologisch, aber vor allem veraltet daherkommt, mit Begriffen hantiert, die Anachronismen darstellen. 
Flügge hat am Ende ja Recht. Wobei er nicht weit genug geht und damit seine Kritik nicht zielführend ist. 
Er hat Recht, wenn er die Sprachlosigkeit der Predigerinnen und Prediger anspricht. Die zwar manchmal viel sagen, aber dabei nicht so viel sagen. Eben weil das, was sie sagen nicht für den Hörer oder die Zuhörerin relevant wäre. Sprache ist zu oft abgehoben, oder verwaltet alte Denkmuster, die heute nicht mehr greifen. Man versucht über das Gefühl der Betroffenheit eine Wirkung zu erzielen, wobei meistens ja nicht klar ist, was das eigentlich soll. Hier ist Flügge zuzustimmen. Predigt ist eben keine Poesie, wobei Poesie ihr oft genug auch gut tut. 
Flügge spricht von der geprägten Sprache. Es gibt in einer Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität“ wenig Chancen für eine Sprache, die eine Binnenlogik der Kirche entfaltet, die keiner mehr versteht. 
Was Flügge übersieht, oder zumindest nicht genügend entwickelt, ist, dass die Kirche an ihrer Sprache verreckt, wie er es nennt, weil sie diese geprägte Sprache, die nur intern zu verstehen ist, verwendet, nur typisch ist für unser Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität.“ 
Denn der Politik geht es nicht anders. Auch sie verreckt an ihrer Sprache, die für viele immer weniger Anschlussfähig ist. Sicheres Zeichen dafür ist das Schrumpfen der Volksparteien. 
Auch im Sport und der Wirtschaft gibt es geprägte Sprache. Und wenn man genau hinschaut, leben wir alle in Sprachblasen, die für Überzeugungszusammenhänge und Plausibilitätsstrukturen stehen, die denjenigen überzeugen, der in dieser Blase sich wohl fühlt. Aber für einen Außenstehenden ist das unverständlich und er schaltet ab. Wie beim Sport. Was Fußballer und Kommentatoren nach einen Fußballspiel von sich geben, ist geprägte Sprache, die für die meisten Menschen unerträglich ist wegen fehlender Relevanz. Es wird ja auch nichts ausgesagt, außer Floskeln. 
Wir leben als moderne Menschen in Blasen. Blasen, die ihre eigene Sprachlogik hervorbringen. Auch Medienberater und Marketingleute haben ihre eigene, abgeschottete Welt, die für Außenstehende wenig aussagt. Auch da feiert man sich dann und wann selber und ergießt die Feierlichkeiten in Formen von Gottesdiensten der Selbstvergewisserung. 
Menschen leben in Blasen und damit verbunden in Sprachblasen. Und man muss noch einen Schritt weitergehen. Denn es ist eben nicht nur ein Sprachproblem. Das hat Flügge wenig thematisiert, auch wenn er es erkannt hat. Denn das, was sich ändern muss, wenn Kirche relevant werden will, ist ja nicht das Verzichten auf das Wort „Ganzheitlichkeit“, sondern dass man neue Begründungszusammenhänge für den Glauben findet, die heute blasenübergreifend Anschluss finden können. 
Es geht im eigentlichen Sinne um eine theologische Arbeit, die zu leisten wäre. Um das Aufbrechen der alten Denkstrukturen. Da zielt Kirche aber zu oft daneben. Weil sie auf Biegen und Brechen das Alte bewahren will. Wobei das Alte nicht das biblische Alte ist. Die Bibel lesen wir immer nur durch geschichtlich bedingte Brillen.
Theologie muss wieder mutig sein, das Alte neu zu entdecken und aus der eigenen Sprachecke herauszutreten. Es geht nicht nur um eine „oberflächliche“ Übersetzungsarbeit, die schon viel bringt, sondern um eine tiefgehende Veränderung des Denkens der Gläubigen.