Peter Hahne: Ein merkwürdiger Aufschrei aus einem virengeschützten Arbeitszimmer

Es ist immer einfach, wenn man keine Verantwortung für andere Menschen hat, sich lautstark zu positionieren. Dann kann man aus seinem Arbeitszimmer heraus flammende und wohl geformte Sätze aufschreiben, die für Emotionen sorgen. Dabei ist man aber immer auf der sicheren Seite. Man braucht nicht mal eine Maske! Denn so ein dummer Virus verbreitet sich ja nicht via Internet, sondern durch Begegnung von Menschen. So kann man getrost vor seinem Laptop sitzen und voller Leidenschaft ein Plädoyer für Kirchenkampf schreiben und alte Zeiten beschwören wo man genau das getan hat. Man ist auf jeden Fall sicher. Weil man nicht auf Risikogruppen achten oder das Singen vermeiden muss. Man hat keinen Kontakt. Außer diese hingeworfenen Zeilen, die sich auch schnell verbreiten

Lieber Herr Hahne, wenn Kirchen sich gegen Diktaturen positionieren, ist das Kirchenkampf. Aber wie bitteschön sollen sich Kirchen gegen den Virus positionieren und das dann auch noch als Kirchenkampf verkaufen? 

Weil man sich in einer Demokratie an Hygienevorschriften hält, ist das kein Zeugnis für Zeitgeistkirche, sondern für: Wir sind als Kirche endlich in der Gesellschaft angekommen und verstehen uns als das, was wir sind: Ganz normale Menschen! (Das war jetzt ein Satz mit zwei Doppelpunkten, was von der Wichtigkeit zeugt!)

Wir kommen in einer Gesellschaft an, auch wenn diese Gesellschaft eine Kirche nicht mehr braucht. Das ist aber ein anderes Thema. 

Und hier liegt, wahrscheinlich, Ihr Denkfehler: Den Fakt der fehlenden Relevanz von Kirche mit dem Einhalten und Respektieren von Hygienemaßnahmen zu vermischen.

Die Schlußfolgerungen, die Sie ziehen, zeugen davon, dass Sie aus einem geschützten Raum heraus agieren. Eben kaffeetrinkend, vor dem Laptop sitzend und dabei die wortreichen Zeilen in die Tastatur klopfend. Aber dabei keine Verantwortung tragen für Menschen, die in Kirchen sich anstecken könnten… Wer das schreibt, ist kein Kämpfer gegen die Säkularisierung und Selbstmarginalisierung der Kirche, sondern hat ein klein wenig Nachholebedarf im Verständnis von Demokratie und wie man Freiheit verstehen sollte. Freiheit ist die Fähigkeit, auf Freiheiten zu verzichten. Das anzuerkennen, eröffnet eigentlich Perspektiven. Dadurch verschwindet Kirche nicht in der Bedeutungslosigkeit, sondern erkennt ihre fehlende Relevanz um so deutlicher und kann sich neu auf den Weg machen.

Ich vermute mal, Sie schützen ihren Laptop vor Viren und Angriffen von „draußen“ und geben dafür sogar Geld aus. Weil Sie genau wissen, dass Sie als Internetnutzer zur Risikogruppe gehören. Warum verzichten Sie nicht genau darauf, schalten die Antivirenprogramme aus und positionieren sich so als postmodernen Kirchenkämpfer, der über den Dingen zu stehen vermag?  

https://www.tagesschau.de/inland/ostern-gottesdienste-101.html

https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/peter-hahne-kritisiert-kirche-im-corona-zeitalter;art310,208665

https://www.kath.net/news/70987

Nachtrag vom 23.6.2020: Wie Peter Hahne glaubhaft versichert, sitzt er nicht in seinem virengeschützten Arbeitszimmer, sondern ist unter Menschen. Das ist ganz nett, ändert aber nichts am Inhalt des Artikels.

Erstaunlich: Kirchenmenschen sind in Zeiten des Lockdowns erstaunt darüber, dass Kirche nicht systemrelevant ist

Baumärkte durften nach dem flächendeckenden Herunterfahren des öffentlichen Lebens im März 2020 in manchen Bundesländern geöffnet bleiben. Kirchen hingegen mussten überall schließen. Die Begründung für diese Differenzierung liegt im Begriff „systemrelevant“. Und so gab es kirchlicherseits ein großes Erstaunen darüber, dass man als „nicht-systemrelevant“ eingestuft wurde.

Das wirklich Erstaunliche daran aber ist, dass Kirchenmenschen erstaunt waren. Denn dass die Kirche keinerlei Relevanz mehr hat, geschweige denn eine gewisse Systemrelevanz, ist seit Jahren offenkundig. Darauf hätte man auch schonmal vorher kommen können. Aber wir Kirchen haben einfach zu viele Mechanismen in unseren Tagesablauf oder Kirchenjahr eingebaut, um diese Erkenntnis zu verhindern. Wir fahren zu Konferenzen, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und beschwören unsere eigene Wichtigkeit. Wir schaffen uns immer wieder bei solchen und ähnlichen Punkten das gute Gefühl des Bedeutsamen. Aber egal, wie wichtig wir uns fühlen mit der Bibel unterm Arm, die Wahrnehmung der Menschen, die schon seit Jahren keine Bibel mehr lesen, ist eine ganz andere. Sie nehmen uns eben gar nicht mehr war. Sie geben uns keine Bedeutung.

So muss man feststellen, Kirche ist nicht nur nicht systemrelevant, sondern gar nicht mehr relevant. Erstaunlich, wer sich darüber jetzt aufregt.