Was die Bibel wirklich über Corona denkt

Kirchenmenschen wissen es im Prinzip besser. Also nicht unbedingt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Feld haben die Wissenschaftler der Kirche weggenommen. Zu Recht. Bleibt das Gebiet der Situationsdeutungen.

Kirchenmenschen versuchen sich demzufolge immer wieder in der Deutung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aufgrund eines irgendwie gearteten Bibelverständnisses. Soweit so gut.

Dann kam die Corona-Pandemie. Und auf einmal war es ziemlich ruhig geworden. Denn wie sollte man diese Situation deuten? Was kann Gott sich dabei gedacht haben, das so ein Virus vorbei zu schicken? Oder ist das schon Deutung? Hat er es uns nicht auf den Hals geschickt, dann doch zumindest genau das zugelassen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem „Warum?“

Man war sehr zurückhaltend. Seitens der Kirchen: Keine Deutungsversuche. Nur Mutmachversuche, die aber angesichts der fehlenden Deutung mutlos wirkten. Dann gab es noch die schnelle Betonung, dass Gott so etwas wie Corona nicht als Strafe schicken würde.

Was soll man denn auch dazu sagen, wenn das Leben ins Wanken gerät und wir merken, wie fragil unser Leben ist? Ein bequem eingerichtetes Leben, auf das wir meinen ein Recht zu haben, was wir auch gerne religiös und mit Gebeten zu untermauern versuchen? Auf das wir letztlich aber kein Recht haben. Sollen wir Gottesdienste gegen die Pandemie abhalten, um so wenigstens ein wenig Systemrelevanz herzustellen, was man aber selber nicht wirklich glaubt?

Zumindest wurden die Predigerinnen und Prediger, die Corona als Strafe Gottes verstanden durch die verkrampften Mutmachversuche der einen und das beherzte Schweigen der anderen übertönt.

Corona ist wie das Leben. Es gibt eine Fülle an zutiefst sinnlos erscheinenden Situationen, die sich aufgrund dieser Natur einer sinnhaften Deutung entziehen. Dieses mal gab es nur eine größere Zahl von Betroffenen: Die Sinnlosigkeit hatte nun aber pandemischen Charakter. Das Leben, dem wir so gerne einen Sinn beilegen und es tatsächlich als Menschen auch müssen, „funktioniert“ nur, weil es die Begrenzung durch das Sinnlose hat. Das Leben „funktioniert“ nur, weil es diese sinnlose Grenze des Todes hat, der Sinn ermöglicht. Die Sinnhaftigkeit, die wir in mitteleuropäischen Breiten heute gerne mit Bequemlichkeit, Freizeit und Fernreisen herstellen, zerbröselte. Wir müssen in manchen TZeilen des Lebens tatsächlich bei Nuill anfangen. Das Sinnlose entzieht sich einer sinnhaften Antwort auf das große „Warum?“ Es setzt uns vielmehr auf Null zurück. Und man muss neu Sinn entdecken und zwar genau an dem „Warum?“ vorbei. Indem man versteht, dass das Leben nicht nur Corona ist, sondern eine Menge mehr.

Es ist Corona und wir als Kirche haben keine Deutung. Weil die Deutung in dem radikalen Zulassen des Sinnlosen würde. Das Sinnlose, das auch wir als Kirche so gerne wegpredigen oder so gerne Verschweigen und so gerne wegprophetieren. Auf diese Wortschöpfung bin ich nicht stolz!

Das Sinnlose ist sinnlos. Und entzieht sich darum einer sinnvollen Deutung. Der Mensch übertreibt es manchmal mit den Deutungen und der Suche nach Sinn. So scheint es. Überall ist der Sinn dann eben doch nicht zu finden. Schon gar nicht im Sinnlosen.

Auf eine sinnlose Situation gibt es von der Bibel her vielleicht nur eine einzig mögliche Deutung. Die folgt nun!

Nach einer eingehenden biblischen Zusammenschau kommen wir zu folgenden Urteil: Die Bibel findet Corona doof. Mehr gibt es wohl nicht zu sagen.

Also aufhören zu grübeln und sich selber wieder ins Leben einladen!

Wem das zu wenig ist, der sollte sich nochmal alle Deutungsversuche der letzten Monate anschauen und die damit verbundene Selbstüberhöhung oder Selbstverkrampfung.

Im Leben wird der Sinn nicht immer gleich mitgeliefert. Sondern es entsteht der Sinn nicht in der Studierstube der Deuter, sondern im Vollzug des Weiterlebens und dem damit verbundenen Neuentdecken. Eben im sich das Leben zurückerobern, trotz Sinnlosigkeit.

Die Kirche hat aus den Menschen, der Verdacht legt sich nahe, einen humanem intellectualis gemacht. Aber das ist seit je her das Problem der Theologie. Der Vorrang des Denken vor dem Lebensvollzug. Erst denken und so sich selber Sinn stiften, als losgehen und Sinn entdecken, selbst nach dem Sinnlosen.

Um es mal ganz anders auf den Punkt zu bringen: Sinn ist kein theoretisches Konstrukt, herstellbar in den Studierstuben der Theologen. Oder Psychologen. Oder Wirtschaftstheoretiker. …

„Die Bibel findet Corona doof“ ist natürlich eine Provokation. Gegen das Schweigen, gegen das Labern und gegen vereinnahmende Deutungen. Aber es bringt es vielleicht auf den Punkt, was wir manchmal mit ewig aufgepusteten Wortwolken dann doch nicht auf den Punkt bringen können. Das Sinnlose ist nicht in Sinnenhaftes umbuchbar. Durch keine Deutung. Sondern Sinn entsteht im Nachhinein, wenn man durch das finstere Tal hindurchgekommen ist.

Sinn kann nicht am grünen Schreibtisch produziert werden, sondern ereignet sich. Aber nur im Vollzug des realen Lebens und nicht als Theorie. Sinn ist eben dann doch mehr die Erfahrung, als das Wollen.

Was die Bibel über Corona denkt? Im Prinzip nichts. Sie erzählt nur von Menschen. Menschen, die durch das finstere Tal gehen müssen und so vergleichbare Erfahrungen machen. Aber spannenderweise deutet Psalm 23 das finstere Tal eben nur als solches. Es wird beschrieben als das, was es ist: Finster. Ohne Deutung, ohne Sinnvereinnahmung. Das ist im übrigen die Grundstimmung der Psalmen an so vielen Stellen. Wird Zeit, das neu zu entdecken.

Angeregt durch einen Beitrag von Notger Slencka auf Zeitzeichen.net: „Was haben wir zu sagen?“

https://zeitzeichen.net/node/8365

Erstaunlich: Kirchenmenschen sind in Zeiten des Lockdowns erstaunt darüber, dass Kirche nicht systemrelevant ist

Baumärkte durften nach dem flächendeckenden Herunterfahren des öffentlichen Lebens im März 2020 in manchen Bundesländern geöffnet bleiben. Kirchen hingegen mussten überall schließen. Die Begründung für diese Differenzierung liegt im Begriff „systemrelevant“. Und so gab es kirchlicherseits ein großes Erstaunen darüber, dass man als „nicht-systemrelevant“ eingestuft wurde.

Das wirklich Erstaunliche daran aber ist, dass Kirchenmenschen erstaunt waren. Denn dass die Kirche keinerlei Relevanz mehr hat, geschweige denn eine gewisse Systemrelevanz, ist seit Jahren offenkundig. Darauf hätte man auch schonmal vorher kommen können. Aber wir Kirchen haben einfach zu viele Mechanismen in unseren Tagesablauf oder Kirchenjahr eingebaut, um diese Erkenntnis zu verhindern. Wir fahren zu Konferenzen, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und beschwören unsere eigene Wichtigkeit. Wir schaffen uns immer wieder bei solchen und ähnlichen Punkten das gute Gefühl des Bedeutsamen. Aber egal, wie wichtig wir uns fühlen mit der Bibel unterm Arm, die Wahrnehmung der Menschen, die schon seit Jahren keine Bibel mehr lesen, ist eine ganz andere. Sie nehmen uns eben gar nicht mehr war. Sie geben uns keine Bedeutung.

So muss man feststellen, Kirche ist nicht nur nicht systemrelevant, sondern gar nicht mehr relevant. Erstaunlich, wer sich darüber jetzt aufregt.

Manchmal ist es besser mit keiner Botschaft anzufangen, um eine Botschaft zu formulieren: Oder. Corona und kirchliche Predigt sind keine Freunde

Es ist wirklich mehr als kompliziert in Zeiten der Coronapandemie mal etwas anderes zu denken als daran, welche Auswirkungen dieser Virus auf das Leben hat. 
Die Kirche versucht nun, einen Umgang damit zu finden. Die Livestreams, die aus dem Internetboden schießen, sind unüberschaubar. So hat man jedenfalls das Gefühl, weil es eine Menge Kirchen gibt, die in Zeiten von Kontaktverbot, so Kirche in neue Formen gießen und Kontakt neu definieren. Das ist erstaunlich und bewundernswert. Ich will am Anfang wirklich meine Wertschätzung Ausdruck verleihen. Das meine ich ehrlich. Es sind tolle Projekte und mit Hingabe wird da einiges erreicht. 

Was mich ein wenig verunsichert, sind die Botschaften, die in die Welt gestreamt werden. Denn es gibt meistens die Hinweise, dass man in Zeiten von Angst und Panik keine Angst und keine Panik haben bräuchte. Weil Gott ja helfen wird. Das hört sich sehr christlich an. Mag sein. Aber diese Aussage ist so grundsätzlich, wird mir aber viel zu schnell verteilt. 
Mir geht es so, dass ich über die aktuellen Entwicklungen staune. Die Dynamik, in der wir stecken, wo wir jeden Tag neu überrollt werden von Informationen und damit verbundenen Bewertungen, die unser Leben immer mehr reduzieren. Ich staune, weil Sicherheiten wegbrechen und wir noch gar nicht wissen, was das mal bedeuten wird. Es ist ein unsicheres Staunen, kein bewunderndes. Weil viele Menschen sich an einen neuen Rhythmus gewöhnen müssen, während andere auf eine berufliche Überforderung zusteuern, weil sie das Gesundheitssystem am Laufen halten müssen. Selbstverständlichkeiten brechen weg und werden zu Fragezeichen. Wir müssen irgendwie viele Dinge neu regeln – Und jeden Tag gibt es einen neuen Reglungsbedarf. 

Ich bin weit weg von Panik und Angst. Mein Humor habe ich nicht verloren. Was auch stimmt: Ich mache mir Sorgen um Menschen, die zu den Risikogruppen gehören und an deren Grab ich in naher Zukunft nicht stehen will. Meine Sorge ist weit weg von Panik, Angst und Hoffnungslosigkeit. Mein Zustand ist eher der des sorgenangereicherten ungläubigen Staunens. 
Darum tue ich mich auch schwer, so vielen Autoren und Rednerinnen von christlichen Internet-Botschaften zuzuhören. Denn dort wird in einer Art kurzschlusstheologischer Emsigkeit vor Panik, Hoffnungslosigkeit und Angst gewarnt. Ich habe aber den Eindruck, dass man erst mit eindringlichen und betroffen Stimmen genau das erzeugt, um hinterher eine schöne Bibelstelle draufzukleben. 


Ich hätte mir Livestreams gewünscht, die auf emotionsüberladenen Stimmen verzichten, wo man stimmlich Hoffnung hervorpressen will, indem man betont wie sehr man Gott vertrauen könne, weil man unter dem Schirm des Höchsten sitzt oder das Blut Jesu stärker sei, oder ein geweihtes Wasser purer Segen bedeutet. 
Was gut gemeint ist, betrifft aber vielleicht nur einen Teil der Menschen. Denn die meisten Menschen sind noch im Modus, des Zurechtfindens und Überfordertseins. Darum hätte es noch ganz andere Botschaften geben müssen, als diese gängigen, die nun überall zu hören sind. Wenn Kirche es mit ihrer Kurzschlusstheologie nicht übertreiben würde, könnte sie relevant werden. 


Kurzschlusstheologie bedeutet in diesem Fall, die überstarke Vereinfachung von Realität und das Herstellen von, etwas aufgesetzten, Zusammenhängen. Das geht in Coronazeiten so: Ein solche große Krise, wie die aktuelle, erzeugt bestimmt Angst und Panik und Christen setzen dagegen, dass Gott helfen wird. Manche setzen noch einen drauf und ergehen sich in Appellen, mehr denn je zu beten, weil das Gebet eine Macht ist, man müsse ja nur darauf vertrauen. Dann wird alles anders werden.


Ich finde, dass Kirche in solchen Zeiten etwas zurückhaltender sein sollte mit panikerzeugenden Predigten gegen die Panik, mit Parolen, die am Ende zu flach sind und darum zu Recht verhallen werden. Die Welt da draußen ist gar nicht hoffnungslos, (weshalb es keine Bibeltexte über Hoffnung zur Zeit braucht – was aber noch kommen kann), sondern im Modus des sich neu Erfindens und das jeden Tag. Das ist mit Unsicherheit verbunden und auch Sorgen, auch Überwältigtsein. Aber anstatt über Angst zu reden, sollten wir nicht sagen, was man zu unterlassen hat (Nicht in Panik verfallen, keine Angst haben usw.), sondern, was man konkret machen kann. 

Wer erst Panik schürt, um hinterher ein Bibelvers draufzulegen, ist nicht glaubwürdig


Und das fängt damit an, die Unsicherheit zu zulassen und erstmal die Klappe zu halten und auf alle möglichen Botschaften zu verzichten. Das heißt nicht, dass man nichts sagen kann. Aber was man sagen sollte, sollte nicht im Panikmodus, den man zu bekämpfen sucht, verfasst sein. Die Botschaften sollten in der Momentaufnahme bestehen, das Anerkennen und Registrieren von Krise, von manchmal Nicht-Wissen, was man machen soll, von neuen Möglichkeiten, die sich ergeben, von geforderter Leidenschaft und Kreativität, von einem anstehenden Neusortieren angesichts von Überforderung, Verdrängen und manchen Sorgen.

Ich jedenfalls staune, über diese Krise und das etwas abschreckende Krisenmanagement mancher Kirche. Wobei… das ist auch nebensächlich. Hauptsächlich staune ich wie zerbrechlich unser gewohntes Leben ist… Und welche Herausforderungen das mit sich bringt. Das überblicke ich noch gar nicht. 

Da bin ich froh, über die Streams und Podcast, die dieses Gefühl erst einmal aufnehmen und gekonnt in Sprache kleiden…

Mehr desselben ist eine dumme Strategie

Es gibt ein menschliches Phänomen. Es geht um den Punkt, wenn Menschen in Sackgassen oder Krisen geraten. Dann gehen wir in einer bestimmten Art und Weise heran, um das Problem zu lösen, aus der Sackgasse herauszukommen oder die Krise zu beenden. 
Menschen haben zwar eine bestimmte Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, aber wir nutzen davon sehr wenige. Wir reduzieren uns selbst auf meistens eine Möglichkeit, um zu reagieren und zu handeln. 
Nun kommt es zu dem Phänomen: Wenn durch den eingeschlagenen Weg, die Krise zu beenden, sich die Situation aber nicht ändert, ändern die meisten Menschen nicht ihre Strategie. Nein. Sie machen genau das gleiche weiter. Immer wieder. Aber mit einer größeren Intensität. Das Motto: Mehr desselben muss doch endlich den Durchbruch bringen. 

Beispiel: Wenn Reden in Krisen nichts bringt, dann fangen wir an zu schreien. Wenn meine Erziehungsmethode nicht klappt, ändere ich die nicht, sondern werde nur energischer. Wenn mein Gegenüber auf meine Wünsche nicht eingeht, dann werden aus aggressiven Andeutungen offensichtliche Drohungen. Usw. 

In der Krisen-Beratung ist einer der wichtigsten Punkte der, dass man das bisherige Muster erkennt und beseite lässt, einfach mal etwas anderes ausprobiert. Das erfordert ein wenig Mut, manchmal ein etwas anderes Verständnis. Aber es bringt immer etwas in Bewegung. Aus Sackgassen werden so neue Wege. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kirche es genauso macht, wie krisenbehaftete Menschen oder Gruppen. Anstatt ihre Strategie zu ändern und mit ein wenig Mut und Kreativität, mal neue Wege zu gehen, beharrt man auf dem Alten. Und das nach dem Motto: Mehr desselben. Man steckt noch mehr Energie in die alten Wege, in die alten Überzeugungen. So kommt es dazu, dass man heute mehr Begeisterung für Jesus fordert, mehr Einsatz und mehr Leidenschaft. Das ist nichts Schlechtes! Wirklich nicht. Es hilft nur nichts. Im Gegenteil. Irgendwann wird es zur Überforderungskommunikation, die Menschen aussteigen lässt. Das ist das Problem der Jugendkirche oder sich jugendlich gebenden Kirchen oder Predigerinnen. Irgendwann hilft es nicht mehr weiter, dass alles „mega“ und alles „super“ ist und wenn Menschen hören, dass sie die besten Kirchgänger der Welt sind, wird es bald zur nichtsaussagenden Floskel. 
Mehr vom Alten, hilft nicht weiter. Wir brauchen eine Start up – Mentalität, die aber nicht nur äußere Formen neu bedenkt, sondern auch die theologischen Grundlagen neu denkt. 
Wir müssen neue Wege gehen. Aber Kirche hat sich meistens darauf verlegt, einander zu kopieren und eins drauf zu setzen. Mehr desselben eben. 
Wir sollten neue Wege gehen, die damit beginnen, dass man die alten Wege eben nicht gehen will. Das hört sich einfach an, aber wie gesagt, es gibt dieses menschliche Phänomen, dass wir Menschen uns in Krisenzeiten auf eine Handlungsmöglichkeit reduzieren und mit dem Kopf durch die Wand wollen. Das geht schief. Und wir als Kirchen leben jeden Tag den Beweis, dass wir Menschen uns manchmal zu sehr einschränken, anstatt mal was Neues auszuprobieren. In aller Freiheit. 
Wir leben als Kirchen in Krisenzeiten. Zeit, die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Das Buch von Erik Flügge: „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“ – richtig gut! Aber: Etwas zu kurz gedacht

 

Das Buch von Erik Flügge ist wirklich gut, richtig gut! Aber es ist eben auch etwas zu kurz gedacht, was aber nicht schlimm ist. Ist ja nicht sein Job, der Kirche zu sagen, wie es laufen könnte.

Es begann mit einem Blogartikel, ergoss sich in ein Buch und fand ein mehr als erstaunliches Echo in der säkularen und vor allem kirchlichen Landschaft. Erik Flügge machte das Dilemma der Kirche an der Sprache fest. Sprache, die manchmal sehr theologisch, aber vor allem veraltet daherkommt, mit Begriffen hantiert, die Anachronismen darstellen. 
Flügge hat am Ende ja Recht. Wobei er nicht weit genug geht und damit seine Kritik nicht zielführend ist. 
Er hat Recht, wenn er die Sprachlosigkeit der Predigerinnen und Prediger anspricht. Die zwar manchmal viel sagen, aber dabei nicht so viel sagen. Eben weil das, was sie sagen nicht für den Hörer oder die Zuhörerin relevant wäre. Sprache ist zu oft abgehoben, oder verwaltet alte Denkmuster, die heute nicht mehr greifen. Man versucht über das Gefühl der Betroffenheit eine Wirkung zu erzielen, wobei meistens ja nicht klar ist, was das eigentlich soll. Hier ist Flügge zuzustimmen. Predigt ist eben keine Poesie, wobei Poesie ihr oft genug auch gut tut. 
Flügge spricht von der geprägten Sprache. Es gibt in einer Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität“ wenig Chancen für eine Sprache, die eine Binnenlogik der Kirche entfaltet, die keiner mehr versteht. 
Was Flügge übersieht, oder zumindest nicht genügend entwickelt, ist, dass die Kirche an ihrer Sprache verreckt, wie er es nennt, weil sie diese geprägte Sprache, die nur intern zu verstehen ist, verwendet, nur typisch ist für unser Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität.“ 
Denn der Politik geht es nicht anders. Auch sie verreckt an ihrer Sprache, die für viele immer weniger Anschlussfähig ist. Sicheres Zeichen dafür ist das Schrumpfen der Volksparteien. 
Auch im Sport und der Wirtschaft gibt es geprägte Sprache. Und wenn man genau hinschaut, leben wir alle in Sprachblasen, die für Überzeugungszusammenhänge und Plausibilitätsstrukturen stehen, die denjenigen überzeugen, der in dieser Blase sich wohl fühlt. Aber für einen Außenstehenden ist das unverständlich und er schaltet ab. Wie beim Sport. Was Fußballer und Kommentatoren nach einen Fußballspiel von sich geben, ist geprägte Sprache, die für die meisten Menschen unerträglich ist wegen fehlender Relevanz. Es wird ja auch nichts ausgesagt, außer Floskeln. 
Wir leben als moderne Menschen in Blasen. Blasen, die ihre eigene Sprachlogik hervorbringen. Auch Medienberater und Marketingleute haben ihre eigene, abgeschottete Welt, die für Außenstehende wenig aussagt. Auch da feiert man sich dann und wann selber und ergießt die Feierlichkeiten in Formen von Gottesdiensten der Selbstvergewisserung. 
Menschen leben in Blasen und damit verbunden in Sprachblasen. Und man muss noch einen Schritt weitergehen. Denn es ist eben nicht nur ein Sprachproblem. Das hat Flügge wenig thematisiert, auch wenn er es erkannt hat. Denn das, was sich ändern muss, wenn Kirche relevant werden will, ist ja nicht das Verzichten auf das Wort „Ganzheitlichkeit“, sondern dass man neue Begründungszusammenhänge für den Glauben findet, die heute blasenübergreifend Anschluss finden können. 
Es geht im eigentlichen Sinne um eine theologische Arbeit, die zu leisten wäre. Um das Aufbrechen der alten Denkstrukturen. Da zielt Kirche aber zu oft daneben. Weil sie auf Biegen und Brechen das Alte bewahren will. Wobei das Alte nicht das biblische Alte ist. Die Bibel lesen wir immer nur durch geschichtlich bedingte Brillen.
Theologie muss wieder mutig sein, das Alte neu zu entdecken und aus der eigenen Sprachecke herauszutreten. Es geht nicht nur um eine „oberflächliche“ Übersetzungsarbeit, die schon viel bringt, sondern um eine tiefgehende Veränderung des Denkens der Gläubigen. 

Schafft die Predigt ab! …oder doch nicht?

Es gibt viele Ideen, um die Kirchen weiterzuentwickeln, also wieder relevant zu machen. Manche dieser Ideen klingen radikal. Es gibt z.B. die, die Predigt abzuschaffen. 

Wie etwa Hanna Jacobs in der Zeit: 
https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel?page=4#comments 

Sie predigt selber wohl gerne, weil sie selber sich mit den biblischen Texten auseinandersetzen kann und das gibt ihr selber am meisten. Aber die Zeit der Predigt als mündlichen Vortrag sollte man ihrer Meinung nach besser schnell abschaffen, um noch zu retten, was zu retten ist. 

Die Überlegung hat etwas. Zumindest, um sich klar zu werden, was man denn eigentlich mit solch Selbstverständlichkeiten noch anfangen kann, wie sie die Predigt nun mal ist. Braucht man die Predigt oder müsste man als Kirche nicht weniger monologisierend auftreten? 
Ich möchte mal einen neuen Blick eröffnen. Wir leben als Menschen immer in einer Welt der Botschaften. Das war zu allen Zeiten so. Menschen werden durch Botschaften geführt, geprägt und inspiriert. Sie werden durch Botschaften auch verführt und entmutigt. Das ist auch Fakt. 
Wir leben heute im Unterschied zu früheren Zeiten aber in einer Welt einer unübersichtlichen Vielfalt an Botschaften. Botschaften, die wir kaum erfassen und richtig einordnen können. Denn Botschaften werden nicht durch ihre Sachlichkeit und damit sachlichen Relevanz relevant, sondern durch funktionierendes Marketing.
Menschen hören zu. Nach wie vor. Sie wollen Botschaften, lieben Geschichten, wollen ermutigt und angeleitet werden. Sie suchen Orientierung. Hier sollte Kirche ansetzen, um ihr Selbstverständnis neu zu entwickeln. Es geht um das Bedürfnis des modernen Menschen. Wer das endlich ernst nimmt, kann auch heute noch Menschen erreichen. Auch mit einer Predigt. 
Anders herum gefragt: Warum sollte Kirche darauf verzichten, hier eine Rolle zu spielen? Warum sollte man sich nicht diesen Kampf um das Gehörtwerden stellen? Warum sollte Kirche nicht ihre Botschaft an den Mann und die Frau bringen wollen? 
Es gibt keine Begründung dafür, darauf zu verzichten, dass Kirche eine Botschaft hat. Aber sie müsste sich dem aktuellen „Kampf“ auch stellen, und beim Menschen anfangen. Also zu verstehen, wie er tickt, wie er denkt. Dann kann man tatsächlich auch heute noch mit Selbstbewusstsein auf die Kanzel, oder Bühne treten, um etwas zu sagen. 
Die Predigt abschaffen? Nein. Denn die Predigt ist das beste Positionierungsmerkmal, das die Kirche noch hat. Facebook oder ein Instagramaccount zu pflegen, ist immer nur Beiwerk. Notwendiges Beiwerk. Aber nicht das Eigentliche. Es braucht auch andere Formen, die man erfinden und entwickeln sollte.

Aber im Kern wird die Predigt als beste Form der Botschaftsweitergabe Kirche auch weiterhin ausmachen. Man müsste nur die Inhalte relevanter machen! 

Hat Kirche überhaupt noch eine Chance?

Kirche hat eine Chance. Aber der Weg wäre ein sehr menschlicher. Er ging so: Kirche könnte wieder für Menschen im 21. Jhdt. relevant werden, wenn sie das Alte neu entdeckt, eine neue Sprache findet, aber vor allem neue Begründungen für ihre Glaubenspositionen.

Es gibt viele Ideen, wie man Kirchen wieder neu für moderne Menschen relevant machen kann. Dieser Weg ist aber nicht einfach aus unserer Sicht, weil es viel zu viele Denkblockaden gibt. Unsere Denkblockaden sind vor allem zwei „Dinge“: 
– Ängste
– Übersteigerte Selbstgewissheit

Ängste 
Kirchen haben jahrhundertelang gegen das Neue, gegen die Leidenschaft und Kreativität, gegen das Ausprobieren gepredigt. Es wurde nicht immer gleich mit der Hölle gedroht. Aber ein wenig schon. Angeblich gibt es nur den einen seligmachenden Weg. Es wurde zu viel Angst in den Glauben gesteckt.
So haben viele Menschen im Glauben Ängste entwickelt. Die Angst, es falsch zu machen, den falschen Weg zu gehen, den Anschluss zu verpassen usw.

Übersteigerte Selbstgewissheit
Man muss von dem, was man macht, überzeugt sein. Das ist wichtig, sonst überzeugt man keinen Menschen. Auf der anderen Seite wird man durch das Evangelium selber immer wieder infrage gestellt. Zum Glauben gehört auch die Haltung sich selber zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen. Viele Kirchen haben da leider fundamentale Sicherheitsvorkehrungen, um das nicht zuzulassen. Man übertreibt manchmal etwas mit dem „Überzeugtsein“.

Wer Kirche heute neu für Menschen attraktiv machen will, muss von den Menschen her denken. Was übrigens nie bedeutet, die Tradition aufzugeben. Es bedeutet nur, den Zement der eigenen Positionen etwas aufzuweichen und so weniger fest zementiert, Menschen von heute zuzuhören und auf sie einzugehen, ohne besserwisserisch daherzu kommen.