Wie man in einer apatheistischen Gesellschaft Glauben begründen könnte

Früher war die Welt etwas einfacher gestrickt und damit etwas übersichtlicher. Die Kirche sah sich immer wieder neuen Fronten gegenüber. Das waren etwa die Philosophen, die den Gottesgedanken unterwanderten, das waren die Naturwissenschaftler, die ihr Recht auf Eigenständigkeit durchsetzten und so das kirchliche Weltbild tüchtig durcheinander wirbelten, das waren die Psychologen, die der Kirche das Letzte nahmen, was sie hatte: den Menschen selber. Aber bei all diesen Kämpfen, die in den letzten Jahrhunderten ausgetragen wurden und die für Kirche schnell zu Rückzugsgefechten wurden, hatte man wenigstens klar umrissene Feindbilder. Wobei Feind vielleicht der falsche Begriff ist. Es gab auf jeden Fall zu jeder Zeit ein deutliches und klares Gegenüber für die Kirche. Gegen dieses konnte man wettern, argumentieren, apologetisieren, sich verschanzen. Je nachdem, wie die gesellschaftliche Großwetterlage gerade war. Das waren noch Zeiten, wo man es mit echten Atheisten zu tun hatte! Da waren Auseinandersetzungen wenigsten noch möglich! 

Heute ist die diese aber nochmal ganz anders. Denn der normale Mensch entzieht sich immer mehr der Kirche und ihren Missionsversuchen. Viele Menschen, vor allem die jüngeren, sehen in den Kirchen keinerlei gegenüber, nicht mal ein echtes Feindbild. Kirche ist den meisten Menschen schichtweg egal. Aus den Atheisten wurden Apatheisten. Das sind solche, denen die Kirche, der Glaube, einfach nur egal ist. Sie denken nicht über Kirche nach und sammeln keine Argumente gegen Dogmen und christliche Vorstellungen. Sie leben ihr Leben. Und in diesem Leben taucht Kirche überhaupt nicht auf. Nicht, weil man Kirche bewusst hinausgedrängt hätte. Nein, weil man sie schlichtweg übersieht. Warum sollte man sich mit etwas beschäftigen, was keinen Mehrwert bietet, was zum Leben nichts zu sagen hat, was sich selber irgendwie überholt hat? Aber diese Fragen sind schon zu differenziert für Apatheisten. Ein echter Apatheist stellt in Bezug auf Kirche keine Fragen. Weil er keine hat. 

Das stellt alle Kirchen vor eine große Herausforderung. Denn die meisten Ansätze in den Kirchen, um Glaube zu erklären, gingen von der These aus, dass Gott, die anthropologische Grundbedingung schlechthin ist. Gott ist eine Denknotwendigkeit. Das kann man auf dem 2. Vatikanischen Konzil so definiert, das hat man theologisch auch in der evangelischen Welt so gelebt und bis hinein in moderne Glaubensgrundkurse, wie dem Alpha-Kurs etwa, ist das der gedankliche Ausgangspunkt. 
In Zeiten von klar umrissenen Feindbildern oder Diskussionspartnern mag das sinnvoll erscheinen. Aber diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Wir leben in den Zeiten der Interessenlosigkeit und Egalität gegenüber Kirche und ihren Aussagen. 

Das scheint heute eine Art Naturgesetz zu sein, dass Menschen heute mit so vielen Dingen beschäftigt sind, dass die Kirche damit automatisch aus dem Blick verschwindet. Es ist eben völlig unspannend, wie die der Kampf um die Meisterschale in der Bundesliga gerade verläuft, wenn man sich für Fußball nicht interessiert. Das Thema kann so gewichtig in der Werbung, in den Medien oder bei Freunden auftauchen, wie es will, es bleibt völlig irrelevant. 

Wen Kirche Relevanz herstellen will, muss man vielleicht endlich mal in einen Schritt gehen, der etwas unerhört ist: Man sollte sich vom Gedanken, dass Gott die schlechthinnige menschliche Grundbedingung ist, verabschieden. Das fällt schwer, weil wir meinen, damit Gott klein zu machen als Gott, als Schöpfer… Dabei hatte Gott nie ein Problem damit, sich klein zu machen. 
Durch den dadurch gewonnen Standunkt, könnte man Glauben ganz neu entfalten. Aber nicht mit einer, für Apatheisten gefühlten und wahrgenommenen, aufgesetzten Dringlich-und Notwendigkeit. Sondern mit einem Überraschungsmoment. Der Ausgangspunkt für die Begründung des Glaubens wird nämlich ein neuer: Das Lebens selber. Gott verschwindet. Zunächst. Er ist nicht der Startpunkt der Glaubensbegründung, sondern der Zielpunkt. 

Ich verweise ausdrücklich auf folgenden Artikel: Die Relevanz des Glaubens neu lernen von Jan Loffeld, wobei seine Schussfolgerungen hier nicht geteilt werden. Aber als Einstieg in das Thema gut geeignet. 
https://www.domradio.de/sites/default/files/pdf/art._relevanz_des_glaubens_neu_lernen.pdf 

Ein weitestgehend ähnlicher Artikel von Loffeld ist hier zu finden: https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/zpth/article/view/2294

Eine Studie hat geholfen, um die apatheistische Gesellschaft zu erkennen:
D.Pollack/G. Rosta, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt 2015; J. Stolz/J. Könemann u.a. (Hg.), Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des Unglaubens, Zürich 2014.

Gott ist Liebe! … ist das alles?


Die moderne Kirche, vor allem protestantischer Prägung in allen Varianten, predigt heutzutage (fast) nur noch, dass Gott Liebe ist. 
Das ist sehr beeindruckend, weil man allerorten das Gefühl hat, dass man die falschen Gottesbilder endlich hinter sich gelassen habe und den wahren Kern der Bibel herausgeschält hätte: Gott ist Liebe. Das ist der Gipfel der Theologie, das ist die Tiefe der Bibel und das ist das, was man heute noch über Gott sagen kann. Und darf. 
Gott ist die Liebe schlechthin. Das ist der theologische Grundstandard und darin fühlt man sich nun zu Hause. Alles wird nun durch diese Brille neu gesehen. So wird die Bibel zu einem einzigartigen Liebesbrief Gottes. Die Lieder in den Gottesdiensten werden immer emotionaler und liebesbetonter. 
Es könnte so schön sein. Wenn es nicht eine unzulässige Reduzierung wäre. Ich bin nicht sicher, ob diese Entwicklung aufgrund intensiver theologischer Arbeit stattfindet, oder nur, weil man genau diese verweigert mit seinen üblichen Brillen einfach die Bibel liest. 
Wie auch immer. Das Ergebnis ist eine einzige Katastrophe. Denn das Leben ist mehr als Liebe. Das Leben ist voller Widersprüche, voller Brüche und voller großer und kleiner Katastrophen. Das Leben ist merkwürdig und spannungsvoll, ist, um es auf den Punkt zu bringen, eine Menge mehr als Liebe. 
Man muss die folgende Beobachtung nicht teilen. Aber vielleicht regt sie an, seinen theologischen Blickwinkel mal wieder zu erweitern 
Die Liebe ist nicht immer der Ausgangspunkt, um Gott zu verstehen. Das ist in der Bibel meistens der Begriff Gerechtigkeit. Dieser Begriff, der aufgrund der lutherischen Reduzierung, heute immer mehr wegbricht, ist als Ausgangspunkt, um Gott zu verstehen, besser geeignet. Denn das Grundproblem der Menschen zu allen Zeiten ist die Gerechtigkeit. Was gerecht ist, wie gerechtes Leben aussieht – das sind die Urfragen der Menschen, die immer gestellt werden. Offen und verdeckt. In jedem Wahlkampf, in jeder Auseinandersetzung zwischen Kindern. Gott als die Liebe ist die Antwort auf dieses Problem und diese Urfragen. 
Der Begriff der Gerechtigkeit ist besser geeignet, um die Tür zu einer lebensnahen Theologie aufzustoßen, als die Reduzierung auf die Liebe. Dazu wäre aber eine gewisse theologische Arbeit notwendig, die sich den biblischen Texten stellt und das Leben im Blick behält. Die eben die allgemeinen Sprachblasen, die auf Kanzeln und Bühnen erzeugt werden, überwinden würde Das Ziel wäre es, die Tiefe der Bibel zurückzugewinnen in all ihren Facetten. Denn genau das passiert bei dem Einschießen auf den Gott der Liebe als Ursprung und Ziel: Wir reduzieren das Leben und damit Gott auf unzulässige Weise und schießen uns selber als Kirchen ins Abseits, weil wir nichts mehr Relevantes zum Leben zu sagen zu haben. 
Wer heute relevant predigen will, müsste sich vielleicht doch mal wieder der Bandbreite der biblischen Begriffe zuwenden und ernsthaft nachdenken, ob meine Reduzierungen aufgrund theologisch gewichtiger Entscheidungen vorgenommen werden, oder aufgrund von der Verweigerung der theologischen Arbeit.

Vielleicht verwechseln wir in unseren Predigten auch einfach nur den biblischen Gott der Liebe mit unseren romantischen Vorstellungen von Liebe und projizieren diese auf Gott?

Es fühlt sich ein wenig so an.