Corona und die historisch-kritische Methode

In solchen Zeiten, in denen Online-Gottesdienste nicht mehr diskutiert, sondern Standard sind, bekommt man viele Predigten zu hören und sogar zu sehen. Das ist spannend, oft inspirierend. Und manchmal irritierend. Und es fördert vor allem eine Einsicht.

Ich will es mal so formulieren: Wer nach dem Hören der vielen Predigten immer noch der Meinung ist, dass wir keine historisch-kritische Methode brauchen, um die Bibel zu verstehen, der hat es irgendwie nicht verstanden. 

Zur Zeit geht es immer nur um Corona und alle Propheten profilieren sich, um die Deutungshoheit über die Situation zu erlangen. Aber wenn diese Zeiten mal wieder vorbei sind, werden wir uns wieder unseren Lieblingsschlachtfeldern der Theologie widmen. Darauf freue ich mich. Und es wird wieder um das rechte Verständnis der Bibel gehen. Und die Diskussionen um die historisch kritische Methode. Es wird ja zur Zeit ein Kampf gegen diese Herangehensweise an die Bibel geführt und die Leute, die diesen Kampf führen, und statt dessen die Verbalinspiration der Bibel ins Felde führen, werden wohl bald als Heilige oder zumindest als Glaubenshelden verehrt werden. Was etwas verwunderlich ist, da schon Karl Barth als falsch bewertet hat, aber irgendwie ist der auch in Vergessenheit geraten.

Ich halte die Verbalinspiration aus Barthschen Gründen (IV/I) für einen Denkfehler, mit der man die Bibel nicht rettet, sondern kaputt macht. Ich verstehe, dass man den Eindruck hat, wenn man nur historisch-kritisch liest, die Bibel auch kaputt macht. Aber das ist kein Einwand gegen diese Methode. Und in solchen Zeiten, wo die Predigten gerade von Freikirchen und Jugendkirchen frei hause geliefert werden und man nichts tun muss, wird es überdeutlich: Ohne historisch kritische Methode ist die Bibel eine nur noch eine Fundgrube. Eine Fundgrube, in der ich mich nur noch finde, aber bestimmt nicht Gott.  Es ist ein Ort für meine Wünsche, für meine ureigensten Interessen, die ich damit geistlich zu legitimieren suche. Aber nicht ein Buch, das zum Wort werden kann, mit dem ich angesprochen werde.

Es wird in solchen Zeiten deutlich, dass die Bibelauslegung ohne die historisch-kritische Methode der Bibel und damit Gott nicht gerecht wird. Der ist nämlich geschichtlich geworden. Das vergessen wir nur leider viel zu schnell. Und so stehen wir in der Gefahr, unsere Frömmigkeit zu überhöhen und zum Eigentlichen zu machen und zur eigentlichen Geistlichkeit. Das erzeugt viel Aufmerksamkeit, aber dadurch wird es nicht wahrer.

Wir brauchen das Suchen nach den Wurzeln von Textbedeutungen, sonst machen wir die Bibel kaputt. Man hat immer auch einen Standpunkt jenseits dieser Quellen. Aber wer sich das nicht vergegenwärtigt, liest die Bibel in einer unzulässigen Weise.

Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde

Es gibt offensichtliche Punkte, an denen man festmachen kann, warum Kirche für die meisten Menschen heute keine große Rolle spielt. Das verlorene Vertrauen in die Institution durch Skandale spielt hier etwa eine große Rolle. Aber es gibt auch solche Faktoren, die auf den ersten Blick nicht auffallen und die dennoch eine große Bedeutung haben. Wenn man daran gehen möchte, den christlichen Glauben für moderne Menschen wieder attraktiver zu machen, müsste man sich um diese tieferliegenden Punkte kümmern. 
Einer dieser Punkte ist das christliche Menschenbild. Meiner Meinung nach gehört das gründlich revidiert und modernisiert. 
Wobei es dieses eine christliche Menschenbild so nicht gibt. Jeder Mensch hat so seine eigene Vorstellung, wie der Mensch tickt. So hat auch jede Predigerin und jeder Predigt eine eigene Herangehensweise an das Thema. Diese eigene Herangehensweise ist damit durchaus spannungsvoll zu den überlieferten dogmatischen Einsichten. Denn diese konzentrieren sich ganz und gar auf die Sündhaftigkeit des Menschen. Die theologischen Grundfesten und Glaubensüberzeugungen nehmen hier ihren Ausgangspunkt. Es geht vielleicht noch um das Thema der Ebenbildlichkeit des Menschen, die evangelisch gedacht, ganz, und katholisch gedacht, zum größten Teil verloren gegangen ist. Eben durch die Sünde. Das was die Kirche beim Menschen also zunächst und in aller epischen Breite thematisiert ist die Sünde. Das zeigt sich auch in den Liturgien der beiden Volkskirchen. Das Sündenbekenntnis oder die Eucharistie ist notwendiger Bestandteil eines jeden „richtigen“ Gottesdienstes. 
Die Spannungen für Theologinnen und Theologen kommt also aus dieser dogmatischen Positionierung, die aber heute mit dem Leben wenig zu tun hat und die moderne Menschen, völlig zu Recht, abschreckt. Die Kirche ist so auf die Sünde fixiert, dass sie vergisst den Menschen als solches zu würdigen. Dass die Erbsündenlehre dabei eine große Rolle spielt, die man mal endlich abschaffen sollte (nicht weil ihr Anliegen falsch wäre, sondern weil die Lehre an der Bibel völlig vorbei geht), sei hier nur am Rande erwähnt. 
Die Gottesdienste oder auch Glaubensgrundkurse wie der Alphakurs zeigen ein Menschenbild, das so einseitig ist, dass es Menschen abschreckt. Dass die meisten Menschen, die auf Kanzeln stehen, wesentlich differenzierter predigen und sich nicht durch diese dogmatische Verengung verleiten lassen, führt zu der angedeuteten Spannung. Die Dogmatik wurde von der Realität längst überholt. Der Mensch ist nicht völlig verderbt und nicht alles, was er ohne Gott macht, ist Sünde. Das ist gute dogmatische Position, aber führt zu einem derart verkürzten und undifferenzierten Menschenbild, das vielleicht noch geeignet ist, um Scheinheiligkeit zu erzeugen, aber nicht Menschen im 21. Jahrhundert anzusprechen und Glauben wieder attraktiv zu machen. 
Wenn Kirche wieder relevant werden will, braucht sie endlich ein differenziertes Menschenbild. Eines, das auch dogmatisch verankert sein müsste. 
Die Kirche hätte hier einen mehr als einen stabilen Anknüpfungspunkt, um Menschen zu erreichen. Denn in der Gesellschaft gibt es zwar die verschiedensten Menschenbilder. Aber auch da sind die meisten eine Verkürzung des Menschen. Das was Kirche falsch gemacht hat, indem sie den Menschen reduzierte auf seine schlechten Seiten, macht man heute immer wieder, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Die heute kursierenden Menschenbilder sind unzulässige Reduzierungen und Vereinfachungen. Damit wird man dem Menschen auch nicht gerecht und Kirche hätte hier sogar etwas zu sagen, wenn sie ihren eigenen Fehler erkennen und beheben würde. 
Das christliche Menschenbild, sofern man davon reden will und darf, bietet eine Sicht auf das Leben, die so weltfremd und in gewisser Weise menschenmissachtend ist, dass es einer Korrektur bedarf. Denn diese Sicht ist nicht nur nicht attraktiv, sondern auch eine Reduzierung der biblischen Weite und Differenziertheit, wenn sie den Menschen thematisiert. Die Würde des Menschen, seine Hingabe, seine Leidenschaft, seine Kreativität, sein Scheitern – all das müsste in einem christlichen Menschenbild beschrieben werden können. Dann würden Menschen auch wieder Vertrauen gewinnen.Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde