Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde

Es gibt offensichtliche Punkte, an denen man festmachen kann, warum Kirche für die meisten Menschen heute keine große Rolle spielt. Das verlorene Vertrauen in die Institution durch Skandale spielt hier etwa eine große Rolle. Aber es gibt auch solche Faktoren, die auf den ersten Blick nicht auffallen und die dennoch eine große Bedeutung haben. Wenn man daran gehen möchte, den christlichen Glauben für moderne Menschen wieder attraktiver zu machen, müsste man sich um diese tieferliegenden Punkte kümmern. 
Einer dieser Punkte ist das christliche Menschenbild. Meiner Meinung nach gehört das gründlich revidiert und modernisiert. 
Wobei es dieses eine christliche Menschenbild so nicht gibt. Jeder Mensch hat so seine eigene Vorstellung, wie der Mensch tickt. So hat auch jede Predigerin und jeder Predigt eine eigene Herangehensweise an das Thema. Diese eigene Herangehensweise ist damit durchaus spannungsvoll zu den überlieferten dogmatischen Einsichten. Denn diese konzentrieren sich ganz und gar auf die Sündhaftigkeit des Menschen. Die theologischen Grundfesten und Glaubensüberzeugungen nehmen hier ihren Ausgangspunkt. Es geht vielleicht noch um das Thema der Ebenbildlichkeit des Menschen, die evangelisch gedacht, ganz, und katholisch gedacht, zum größten Teil verloren gegangen ist. Eben durch die Sünde. Das was die Kirche beim Menschen also zunächst und in aller epischen Breite thematisiert ist die Sünde. Das zeigt sich auch in den Liturgien der beiden Volkskirchen. Das Sündenbekenntnis oder die Eucharistie ist notwendiger Bestandteil eines jeden „richtigen“ Gottesdienstes. 
Die Spannungen für Theologinnen und Theologen kommt also aus dieser dogmatischen Positionierung, die aber heute mit dem Leben wenig zu tun hat und die moderne Menschen, völlig zu Recht, abschreckt. Die Kirche ist so auf die Sünde fixiert, dass sie vergisst den Menschen als solches zu würdigen. Dass die Erbsündenlehre dabei eine große Rolle spielt, die man mal endlich abschaffen sollte (nicht weil ihr Anliegen falsch wäre, sondern weil die Lehre an der Bibel völlig vorbei geht), sei hier nur am Rande erwähnt. 
Die Gottesdienste oder auch Glaubensgrundkurse wie der Alphakurs zeigen ein Menschenbild, das so einseitig ist, dass es Menschen abschreckt. Dass die meisten Menschen, die auf Kanzeln stehen, wesentlich differenzierter predigen und sich nicht durch diese dogmatische Verengung verleiten lassen, führt zu der angedeuteten Spannung. Die Dogmatik wurde von der Realität längst überholt. Der Mensch ist nicht völlig verderbt und nicht alles, was er ohne Gott macht, ist Sünde. Das ist gute dogmatische Position, aber führt zu einem derart verkürzten und undifferenzierten Menschenbild, das vielleicht noch geeignet ist, um Scheinheiligkeit zu erzeugen, aber nicht Menschen im 21. Jahrhundert anzusprechen und Glauben wieder attraktiv zu machen. 
Wenn Kirche wieder relevant werden will, braucht sie endlich ein differenziertes Menschenbild. Eines, das auch dogmatisch verankert sein müsste. 
Die Kirche hätte hier einen mehr als einen stabilen Anknüpfungspunkt, um Menschen zu erreichen. Denn in der Gesellschaft gibt es zwar die verschiedensten Menschenbilder. Aber auch da sind die meisten eine Verkürzung des Menschen. Das was Kirche falsch gemacht hat, indem sie den Menschen reduzierte auf seine schlechten Seiten, macht man heute immer wieder, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Die heute kursierenden Menschenbilder sind unzulässige Reduzierungen und Vereinfachungen. Damit wird man dem Menschen auch nicht gerecht und Kirche hätte hier sogar etwas zu sagen, wenn sie ihren eigenen Fehler erkennen und beheben würde. 
Das christliche Menschenbild, sofern man davon reden will und darf, bietet eine Sicht auf das Leben, die so weltfremd und in gewisser Weise menschenmissachtend ist, dass es einer Korrektur bedarf. Denn diese Sicht ist nicht nur nicht attraktiv, sondern auch eine Reduzierung der biblischen Weite und Differenziertheit, wenn sie den Menschen thematisiert. Die Würde des Menschen, seine Hingabe, seine Leidenschaft, seine Kreativität, sein Scheitern – all das müsste in einem christlichen Menschenbild beschrieben werden können. Dann würden Menschen auch wieder Vertrauen gewinnen.Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde

Mehr desselben ist eine dumme Strategie

Es gibt ein menschliches Phänomen. Es geht um den Punkt, wenn Menschen in Sackgassen oder Krisen geraten. Dann gehen wir in einer bestimmten Art und Weise heran, um das Problem zu lösen, aus der Sackgasse herauszukommen oder die Krise zu beenden. 
Menschen haben zwar eine bestimmte Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, aber wir nutzen davon sehr wenige. Wir reduzieren uns selbst auf meistens eine Möglichkeit, um zu reagieren und zu handeln. 
Nun kommt es zu dem Phänomen: Wenn durch den eingeschlagenen Weg, die Krise zu beenden, sich die Situation aber nicht ändert, ändern die meisten Menschen nicht ihre Strategie. Nein. Sie machen genau das gleiche weiter. Immer wieder. Aber mit einer größeren Intensität. Das Motto: Mehr desselben muss doch endlich den Durchbruch bringen. 

Beispiel: Wenn Reden in Krisen nichts bringt, dann fangen wir an zu schreien. Wenn meine Erziehungsmethode nicht klappt, ändere ich die nicht, sondern werde nur energischer. Wenn mein Gegenüber auf meine Wünsche nicht eingeht, dann werden aus aggressiven Andeutungen offensichtliche Drohungen. Usw. 

In der Krisen-Beratung ist einer der wichtigsten Punkte der, dass man das bisherige Muster erkennt und beseite lässt, einfach mal etwas anderes ausprobiert. Das erfordert ein wenig Mut, manchmal ein etwas anderes Verständnis. Aber es bringt immer etwas in Bewegung. Aus Sackgassen werden so neue Wege. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kirche es genauso macht, wie krisenbehaftete Menschen oder Gruppen. Anstatt ihre Strategie zu ändern und mit ein wenig Mut und Kreativität, mal neue Wege zu gehen, beharrt man auf dem Alten. Und das nach dem Motto: Mehr desselben. Man steckt noch mehr Energie in die alten Wege, in die alten Überzeugungen. So kommt es dazu, dass man heute mehr Begeisterung für Jesus fordert, mehr Einsatz und mehr Leidenschaft. Das ist nichts Schlechtes! Wirklich nicht. Es hilft nur nichts. Im Gegenteil. Irgendwann wird es zur Überforderungskommunikation, die Menschen aussteigen lässt. Das ist das Problem der Jugendkirche oder sich jugendlich gebenden Kirchen oder Predigerinnen. Irgendwann hilft es nicht mehr weiter, dass alles „mega“ und alles „super“ ist und wenn Menschen hören, dass sie die besten Kirchgänger der Welt sind, wird es bald zur nichtsaussagenden Floskel. 
Mehr vom Alten, hilft nicht weiter. Wir brauchen eine Start up – Mentalität, die aber nicht nur äußere Formen neu bedenkt, sondern auch die theologischen Grundlagen neu denkt. 
Wir müssen neue Wege gehen. Aber Kirche hat sich meistens darauf verlegt, einander zu kopieren und eins drauf zu setzen. Mehr desselben eben. 
Wir sollten neue Wege gehen, die damit beginnen, dass man die alten Wege eben nicht gehen will. Das hört sich einfach an, aber wie gesagt, es gibt dieses menschliche Phänomen, dass wir Menschen uns in Krisenzeiten auf eine Handlungsmöglichkeit reduzieren und mit dem Kopf durch die Wand wollen. Das geht schief. Und wir als Kirchen leben jeden Tag den Beweis, dass wir Menschen uns manchmal zu sehr einschränken, anstatt mal was Neues auszuprobieren. In aller Freiheit. 
Wir leben als Kirchen in Krisenzeiten. Zeit, die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Das Buch von Erik Flügge: „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“ – richtig gut! Aber: Etwas zu kurz gedacht

 

Das Buch von Erik Flügge ist wirklich gut, richtig gut! Aber es ist eben auch etwas zu kurz gedacht, was aber nicht schlimm ist. Ist ja nicht sein Job, der Kirche zu sagen, wie es laufen könnte.

Es begann mit einem Blogartikel, ergoss sich in ein Buch und fand ein mehr als erstaunliches Echo in der säkularen und vor allem kirchlichen Landschaft. Erik Flügge machte das Dilemma der Kirche an der Sprache fest. Sprache, die manchmal sehr theologisch, aber vor allem veraltet daherkommt, mit Begriffen hantiert, die Anachronismen darstellen. 
Flügge hat am Ende ja Recht. Wobei er nicht weit genug geht und damit seine Kritik nicht zielführend ist. 
Er hat Recht, wenn er die Sprachlosigkeit der Predigerinnen und Prediger anspricht. Die zwar manchmal viel sagen, aber dabei nicht so viel sagen. Eben weil das, was sie sagen nicht für den Hörer oder die Zuhörerin relevant wäre. Sprache ist zu oft abgehoben, oder verwaltet alte Denkmuster, die heute nicht mehr greifen. Man versucht über das Gefühl der Betroffenheit eine Wirkung zu erzielen, wobei meistens ja nicht klar ist, was das eigentlich soll. Hier ist Flügge zuzustimmen. Predigt ist eben keine Poesie, wobei Poesie ihr oft genug auch gut tut. 
Flügge spricht von der geprägten Sprache. Es gibt in einer Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität“ wenig Chancen für eine Sprache, die eine Binnenlogik der Kirche entfaltet, die keiner mehr versteht. 
Was Flügge übersieht, oder zumindest nicht genügend entwickelt, ist, dass die Kirche an ihrer Sprache verreckt, wie er es nennt, weil sie diese geprägte Sprache, die nur intern zu verstehen ist, verwendet, nur typisch ist für unser Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität.“ 
Denn der Politik geht es nicht anders. Auch sie verreckt an ihrer Sprache, die für viele immer weniger Anschlussfähig ist. Sicheres Zeichen dafür ist das Schrumpfen der Volksparteien. 
Auch im Sport und der Wirtschaft gibt es geprägte Sprache. Und wenn man genau hinschaut, leben wir alle in Sprachblasen, die für Überzeugungszusammenhänge und Plausibilitätsstrukturen stehen, die denjenigen überzeugen, der in dieser Blase sich wohl fühlt. Aber für einen Außenstehenden ist das unverständlich und er schaltet ab. Wie beim Sport. Was Fußballer und Kommentatoren nach einen Fußballspiel von sich geben, ist geprägte Sprache, die für die meisten Menschen unerträglich ist wegen fehlender Relevanz. Es wird ja auch nichts ausgesagt, außer Floskeln. 
Wir leben als moderne Menschen in Blasen. Blasen, die ihre eigene Sprachlogik hervorbringen. Auch Medienberater und Marketingleute haben ihre eigene, abgeschottete Welt, die für Außenstehende wenig aussagt. Auch da feiert man sich dann und wann selber und ergießt die Feierlichkeiten in Formen von Gottesdiensten der Selbstvergewisserung. 
Menschen leben in Blasen und damit verbunden in Sprachblasen. Und man muss noch einen Schritt weitergehen. Denn es ist eben nicht nur ein Sprachproblem. Das hat Flügge wenig thematisiert, auch wenn er es erkannt hat. Denn das, was sich ändern muss, wenn Kirche relevant werden will, ist ja nicht das Verzichten auf das Wort „Ganzheitlichkeit“, sondern dass man neue Begründungszusammenhänge für den Glauben findet, die heute blasenübergreifend Anschluss finden können. 
Es geht im eigentlichen Sinne um eine theologische Arbeit, die zu leisten wäre. Um das Aufbrechen der alten Denkstrukturen. Da zielt Kirche aber zu oft daneben. Weil sie auf Biegen und Brechen das Alte bewahren will. Wobei das Alte nicht das biblische Alte ist. Die Bibel lesen wir immer nur durch geschichtlich bedingte Brillen.
Theologie muss wieder mutig sein, das Alte neu zu entdecken und aus der eigenen Sprachecke herauszutreten. Es geht nicht nur um eine „oberflächliche“ Übersetzungsarbeit, die schon viel bringt, sondern um eine tiefgehende Veränderung des Denkens der Gläubigen. 

Schafft die Predigt ab! …oder doch nicht?

Es gibt viele Ideen, um die Kirchen weiterzuentwickeln, also wieder relevant zu machen. Manche dieser Ideen klingen radikal. Es gibt z.B. die, die Predigt abzuschaffen. 

Wie etwa Hanna Jacobs in der Zeit: 
https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel?page=4#comments 

Sie predigt selber wohl gerne, weil sie selber sich mit den biblischen Texten auseinandersetzen kann und das gibt ihr selber am meisten. Aber die Zeit der Predigt als mündlichen Vortrag sollte man ihrer Meinung nach besser schnell abschaffen, um noch zu retten, was zu retten ist. 

Die Überlegung hat etwas. Zumindest, um sich klar zu werden, was man denn eigentlich mit solch Selbstverständlichkeiten noch anfangen kann, wie sie die Predigt nun mal ist. Braucht man die Predigt oder müsste man als Kirche nicht weniger monologisierend auftreten? 
Ich möchte mal einen neuen Blick eröffnen. Wir leben als Menschen immer in einer Welt der Botschaften. Das war zu allen Zeiten so. Menschen werden durch Botschaften geführt, geprägt und inspiriert. Sie werden durch Botschaften auch verführt und entmutigt. Das ist auch Fakt. 
Wir leben heute im Unterschied zu früheren Zeiten aber in einer Welt einer unübersichtlichen Vielfalt an Botschaften. Botschaften, die wir kaum erfassen und richtig einordnen können. Denn Botschaften werden nicht durch ihre Sachlichkeit und damit sachlichen Relevanz relevant, sondern durch funktionierendes Marketing.
Menschen hören zu. Nach wie vor. Sie wollen Botschaften, lieben Geschichten, wollen ermutigt und angeleitet werden. Sie suchen Orientierung. Hier sollte Kirche ansetzen, um ihr Selbstverständnis neu zu entwickeln. Es geht um das Bedürfnis des modernen Menschen. Wer das endlich ernst nimmt, kann auch heute noch Menschen erreichen. Auch mit einer Predigt. 
Anders herum gefragt: Warum sollte Kirche darauf verzichten, hier eine Rolle zu spielen? Warum sollte man sich nicht diesen Kampf um das Gehörtwerden stellen? Warum sollte Kirche nicht ihre Botschaft an den Mann und die Frau bringen wollen? 
Es gibt keine Begründung dafür, darauf zu verzichten, dass Kirche eine Botschaft hat. Aber sie müsste sich dem aktuellen „Kampf“ auch stellen, und beim Menschen anfangen. Also zu verstehen, wie er tickt, wie er denkt. Dann kann man tatsächlich auch heute noch mit Selbstbewusstsein auf die Kanzel, oder Bühne treten, um etwas zu sagen. 
Die Predigt abschaffen? Nein. Denn die Predigt ist das beste Positionierungsmerkmal, das die Kirche noch hat. Facebook oder ein Instagramaccount zu pflegen, ist immer nur Beiwerk. Notwendiges Beiwerk. Aber nicht das Eigentliche. Es braucht auch andere Formen, die man erfinden und entwickeln sollte.

Aber im Kern wird die Predigt als beste Form der Botschaftsweitergabe Kirche auch weiterhin ausmachen. Man müsste nur die Inhalte relevanter machen! 

Hat Kirche überhaupt noch eine Chance?

Kirche hat eine Chance. Aber der Weg wäre ein sehr menschlicher. Er ging so: Kirche könnte wieder für Menschen im 21. Jhdt. relevant werden, wenn sie das Alte neu entdeckt, eine neue Sprache findet, aber vor allem neue Begründungen für ihre Glaubenspositionen.

Es gibt viele Ideen, wie man Kirchen wieder neu für moderne Menschen relevant machen kann. Dieser Weg ist aber nicht einfach aus unserer Sicht, weil es viel zu viele Denkblockaden gibt. Unsere Denkblockaden sind vor allem zwei „Dinge“: 
– Ängste
– Übersteigerte Selbstgewissheit

Ängste 
Kirchen haben jahrhundertelang gegen das Neue, gegen die Leidenschaft und Kreativität, gegen das Ausprobieren gepredigt. Es wurde nicht immer gleich mit der Hölle gedroht. Aber ein wenig schon. Angeblich gibt es nur den einen seligmachenden Weg. Es wurde zu viel Angst in den Glauben gesteckt.
So haben viele Menschen im Glauben Ängste entwickelt. Die Angst, es falsch zu machen, den falschen Weg zu gehen, den Anschluss zu verpassen usw.

Übersteigerte Selbstgewissheit
Man muss von dem, was man macht, überzeugt sein. Das ist wichtig, sonst überzeugt man keinen Menschen. Auf der anderen Seite wird man durch das Evangelium selber immer wieder infrage gestellt. Zum Glauben gehört auch die Haltung sich selber zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen. Viele Kirchen haben da leider fundamentale Sicherheitsvorkehrungen, um das nicht zuzulassen. Man übertreibt manchmal etwas mit dem „Überzeugtsein“.

Wer Kirche heute neu für Menschen attraktiv machen will, muss von den Menschen her denken. Was übrigens nie bedeutet, die Tradition aufzugeben. Es bedeutet nur, den Zement der eigenen Positionen etwas aufzuweichen und so weniger fest zementiert, Menschen von heute zuzuhören und auf sie einzugehen, ohne besserwisserisch daherzu kommen.