Was die Bibel wirklich über Corona denkt

Kirchenmenschen wissen es im Prinzip besser. Also nicht unbedingt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Feld haben die Wissenschaftler der Kirche weggenommen. Zu Recht. Bleibt das Gebiet der Situationsdeutungen.

Kirchenmenschen versuchen sich demzufolge immer wieder in der Deutung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aufgrund eines irgendwie gearteten Bibelverständnisses. Soweit so gut.

Dann kam die Corona-Pandemie. Und auf einmal war es ziemlich ruhig geworden. Denn wie sollte man diese Situation deuten? Was kann Gott sich dabei gedacht haben, das so ein Virus vorbei zu schicken? Oder ist das schon Deutung? Hat er es uns nicht auf den Hals geschickt, dann doch zumindest genau das zugelassen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem „Warum?“

Man war sehr zurückhaltend. Seitens der Kirchen: Keine Deutungsversuche. Nur Mutmachversuche, die aber angesichts der fehlenden Deutung mutlos wirkten. Dann gab es noch die schnelle Betonung, dass Gott so etwas wie Corona nicht als Strafe schicken würde.

Was soll man denn auch dazu sagen, wenn das Leben ins Wanken gerät und wir merken, wie fragil unser Leben ist? Ein bequem eingerichtetes Leben, auf das wir meinen ein Recht zu haben, was wir auch gerne religiös und mit Gebeten zu untermauern versuchen? Auf das wir letztlich aber kein Recht haben. Sollen wir Gottesdienste gegen die Pandemie abhalten, um so wenigstens ein wenig Systemrelevanz herzustellen, was man aber selber nicht wirklich glaubt?

Zumindest wurden die Predigerinnen und Prediger, die Corona als Strafe Gottes verstanden durch die verkrampften Mutmachversuche der einen und das beherzte Schweigen der anderen übertönt.

Corona ist wie das Leben. Es gibt eine Fülle an zutiefst sinnlos erscheinenden Situationen, die sich aufgrund dieser Natur einer sinnhaften Deutung entziehen. Dieses mal gab es nur eine größere Zahl von Betroffenen: Die Sinnlosigkeit hatte nun aber pandemischen Charakter. Das Leben, dem wir so gerne einen Sinn beilegen und es tatsächlich als Menschen auch müssen, „funktioniert“ nur, weil es die Begrenzung durch das Sinnlose hat. Das Leben „funktioniert“ nur, weil es diese sinnlose Grenze des Todes hat, der Sinn ermöglicht. Die Sinnhaftigkeit, die wir in mitteleuropäischen Breiten heute gerne mit Bequemlichkeit, Freizeit und Fernreisen herstellen, zerbröselte. Wir müssen in manchen TZeilen des Lebens tatsächlich bei Nuill anfangen. Das Sinnlose entzieht sich einer sinnhaften Antwort auf das große „Warum?“ Es setzt uns vielmehr auf Null zurück. Und man muss neu Sinn entdecken und zwar genau an dem „Warum?“ vorbei. Indem man versteht, dass das Leben nicht nur Corona ist, sondern eine Menge mehr.

Es ist Corona und wir als Kirche haben keine Deutung. Weil die Deutung in dem radikalen Zulassen des Sinnlosen würde. Das Sinnlose, das auch wir als Kirche so gerne wegpredigen oder so gerne Verschweigen und so gerne wegprophetieren. Auf diese Wortschöpfung bin ich nicht stolz!

Das Sinnlose ist sinnlos. Und entzieht sich darum einer sinnvollen Deutung. Der Mensch übertreibt es manchmal mit den Deutungen und der Suche nach Sinn. So scheint es. Überall ist der Sinn dann eben doch nicht zu finden. Schon gar nicht im Sinnlosen.

Auf eine sinnlose Situation gibt es von der Bibel her vielleicht nur eine einzig mögliche Deutung. Die folgt nun!

Nach einer eingehenden biblischen Zusammenschau kommen wir zu folgenden Urteil: Die Bibel findet Corona doof. Mehr gibt es wohl nicht zu sagen.

Also aufhören zu grübeln und sich selber wieder ins Leben einladen!

Wem das zu wenig ist, der sollte sich nochmal alle Deutungsversuche der letzten Monate anschauen und die damit verbundene Selbstüberhöhung oder Selbstverkrampfung.

Im Leben wird der Sinn nicht immer gleich mitgeliefert. Sondern es entsteht der Sinn nicht in der Studierstube der Deuter, sondern im Vollzug des Weiterlebens und dem damit verbundenen Neuentdecken. Eben im sich das Leben zurückerobern, trotz Sinnlosigkeit.

Die Kirche hat aus den Menschen, der Verdacht legt sich nahe, einen humanem intellectualis gemacht. Aber das ist seit je her das Problem der Theologie. Der Vorrang des Denken vor dem Lebensvollzug. Erst denken und so sich selber Sinn stiften, als losgehen und Sinn entdecken, selbst nach dem Sinnlosen.

Um es mal ganz anders auf den Punkt zu bringen: Sinn ist kein theoretisches Konstrukt, herstellbar in den Studierstuben der Theologen. Oder Psychologen. Oder Wirtschaftstheoretiker. …

„Die Bibel findet Corona doof“ ist natürlich eine Provokation. Gegen das Schweigen, gegen das Labern und gegen vereinnahmende Deutungen. Aber es bringt es vielleicht auf den Punkt, was wir manchmal mit ewig aufgepusteten Wortwolken dann doch nicht auf den Punkt bringen können. Das Sinnlose ist nicht in Sinnenhaftes umbuchbar. Durch keine Deutung. Sondern Sinn entsteht im Nachhinein, wenn man durch das finstere Tal hindurchgekommen ist.

Sinn kann nicht am grünen Schreibtisch produziert werden, sondern ereignet sich. Aber nur im Vollzug des realen Lebens und nicht als Theorie. Sinn ist eben dann doch mehr die Erfahrung, als das Wollen.

Was die Bibel über Corona denkt? Im Prinzip nichts. Sie erzählt nur von Menschen. Menschen, die durch das finstere Tal gehen müssen und so vergleichbare Erfahrungen machen. Aber spannenderweise deutet Psalm 23 das finstere Tal eben nur als solches. Es wird beschrieben als das, was es ist: Finster. Ohne Deutung, ohne Sinnvereinnahmung. Das ist im übrigen die Grundstimmung der Psalmen an so vielen Stellen. Wird Zeit, das neu zu entdecken.

Angeregt durch einen Beitrag von Notger Slencka auf Zeitzeichen.net: „Was haben wir zu sagen?“

https://zeitzeichen.net/node/8365

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