Corona und das Sinnlose als Herausforderung für die Predigt

Viele Predigten in den unterschiedlichsten Kirchen landauf landab haben sich in den letzten Wochen angesichts des Coronalockdowns als Mutmachpredigten verstanden. Weil die Situation so … na, was eigentlich? Richtig schlimm war sie in Deutschland ja nicht. Nicht mal andeutungsweise. Das Schlimme kommt ja vielleicht erst noch. Wenn die Wirtschaft nicht wieder hochfährt und wir feststellen, dass wir nicht da einfach weitermachen können, wo wir so schnell aufgehört haben.

Die Situation ist gesamtgesellschaftlich so harmlos, dass es reichlich realen und vor allem virtuellen Platz für Verschwörungstheorien gibt, die alle Lockdownmaßnahmen infrage stellen, weil es Corona ja nicht gibt, alles nur die Lüge ist und wir zu dumm für Demokratie sind.

Corona, das Virus, das alles lahmlegt, startet einen globalen Feldzug. Wir kommen damit nicht zurecht. Wir kleben das Etikett „Pandemie“ drauf, um Maßnahmen zu rechtfertigen, die einmalig sind.

Was uns geprägt hat, ist die Unsicherheit der letzten Wochen und der nächsten Monate. Unsicherheit im Umgang mit dem alltäglichen Leben, Beziehungen… Was uns geprägt hat, war die Wucht des Sinnlosen, das sich eine sinnenhaften Deutung entzieht.

Viel zu schnell wurden Mutmachpredigten ins Land gestreamt. Denn die Menschen waren nicht mutlos, sondern verunsichert. Die Unsicherheit hat ihren letzten Grund im Nichtumgehenkönnen mit dem Sinnlosen. Weil wir gelernt haben und immer wieder lernen, dass es einen Sinn geben muss im Leben.

Genau dieser Sinn war aber nicht auffindbar. Ich habe im letzten Artikel dafür plädiert, das Sinnlose als das Sinnlose erstmal stehen zu lassen und nicht gleich in irgendeine Sinnhaftigkeit umzudeuten.

http://blog.echt-jetzt.online/tag/deutung/

Kirche, die das nicht kann und immer gleich weiß, was Gott sich dabei gedacht hat, macht sich nun wirklich gänzlich überflüssig. Kirchliche Deuter, die wissen, was das alles soll mit solchen Zumutungen wie Corona, fühlen sich vielleicht etwas wissender und damit überlegen. Aber am Ende ist das nur Bauernfängerei.

Darum gab es zu Recht eine so große Zurückhaltung im Deuten der aktuellen Situation. Aber dieses Schweigen muss ein konstruktives Schweigen sein. Nicht weil Kirche sich ergibt oder durch das Nichtdeuten selber marginalisieren würde.

Die Erfahrung des Sinnlosen gehört zum Leben dazu. In unserer behüteten federweich gebetteten Welt, betraf es dieses mal aber nicht den Einzelnen, sondern hatte gesellschaftliche Ausmaße. Dieses mal hat es nicht den Nachbarn getroffen, der Krebs bekam oder dessen Frau auszog, dessen Kind bei einem Unfall starb, sondern es betraf uns alle. Die Sinnlosigkeit ließ sich aber kaum fassen. Bis heute nicht.

Das Sinnlose ist wie das finstere Tal. Psalm 23 ist eine einzige Zumutung. Wir verniedlichen diesen Psalm ja so oft und malen kleine Schäfchen neben den Texte und verkaufen das als Postkarten. Aber dieser Psalm ist für alle Deutungsversuche so herausfordernd, weil er das finstere Tal eben nicht deutet, sondern einfach nur als solches benennt. Viel zu schnell sind wir bei der Auflösung des Problems. Viel zu schnell sind wir beim gedeckten Tisch und dem tröstenden Stecken und Stab.

Der Psalm ist nicht kitschig und malt keine schönen Bilder, sondern zeigt im Grunde ja erstmal die Erfahrung des Sinnlosen auf. Also, was ich als sinnlos erfahre und erlebe. Dabei kommt es aber gar nicht darauf an, gegen das Sinnlose zu kämpfen. Auch nicht, indem ich es versuche in den Griff zu bekommen, indem ich eine wie auch immer geartete Deutung hineinlege und so aus Sinnlosigkeit etwas Sinnhaftes mache.

Sondern der Umgang mit dem Sinnlosen ist das Entscheidende. Eben das „Herauskommen“ und „Hindurchkommen.“

„Ich fürchte kein Unglück“. Dieses Nicht-Fürchten ist keine große Glaubensaussage. Zu viele Psalmen beinhalten Worte, die wir uns nicht mehr zu beten trauen, will das Sinnlose als das Sinnlose benannt wird. Weil man mit wenig Vertrauen im finstren Tal steht, weil Feinde einem nach der Ehre trachten und so den gesellschaftlichen Tod wollen. Viele Psalmen sind ein einziger Schrei nach Befreiung aus dem Sinnlosen.

Das Sinnlose ist sinnlos. Aber das Sinnlose ist vielleicht die radikalste Aufforderung und damit auch Möglichkeit, mit dem Leben neu umgehen zu müssen. Das Dumme ist eben: Wir werden nicht gefragt, ob wir eine solche Lernerfahrung machen wollen. Das Sinnlose stellt sich uns einfach in den Weg. Und wir können es nicht bearbeiten durch Deutung und verborgenes Geheimwissen, durch Prophetie oder Ignoranz. Sondern indem wir uns durchmogeln und wieder neu ins Leben finden. Das Sinnlose wird so, modern gesprochen, zur Lernerfahrung, die keiner braucht. Die aber zum Leben dazu gehört.

Wir sollten alle Deutungsversuche also unterlassen und das Sinnlose als solches auch verstehen und dann uns selber und die anderen zum Leben wieder einladen. Wobei die Chance ja darin besteht, dass das Leben neu gewichtet, neu verstanden und so neu gelebt wird.

„Ich fürchte kein Unglück“ ist die Gelassenheit, die weiß, dass es das Sinnlose im Leben gibt. Dass wir diese nicht verhindern und schon garnicht durch selbstoptimierte Programme, auch keine frommen, dagegen ankämpfen können. Es gibt keine Glaubensstrategie gegen das Sinnlose. Es gibt keine Siegermentalität, um sich davor zu schützen.

Glauben ist nicht der Sieg über die Sinnlosigkeit. Sondern Glaube besteht in der Zuversicht, dass das Sinnlose nicht das letzte Wort ist. Glaube reißt den Horizont auf, wenn auch ganz vorsichtig und zurückhaltend, und verweist auf das Licht am Ende des finstren Tales. Das ist kein billiger Trost. Das ist nicht mal mutmachend. Sondern zutiefst menschlich.

Kirche sollte zum Leben einladen. Aber nicht billig, sondern gerade angesichts des Sinnlosen.

Was die Bibel wirklich über Corona denkt

Kirchenmenschen wissen es im Prinzip besser. Also nicht unbedingt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Feld haben die Wissenschaftler der Kirche weggenommen. Zu Recht. Bleibt das Gebiet der Situationsdeutungen.

Kirchenmenschen versuchen sich demzufolge immer wieder in der Deutung der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aufgrund eines irgendwie gearteten Bibelverständnisses. Soweit so gut.

Dann kam die Corona-Pandemie. Und auf einmal war es ziemlich ruhig geworden. Denn wie sollte man diese Situation deuten? Was kann Gott sich dabei gedacht haben, das so ein Virus vorbei zu schicken? Oder ist das schon Deutung? Hat er es uns nicht auf den Hals geschickt, dann doch zumindest genau das zugelassen. Es stellt sich zwangsläufig die Frage nach dem „Warum?“

Man war sehr zurückhaltend. Seitens der Kirchen: Keine Deutungsversuche. Nur Mutmachversuche, die aber angesichts der fehlenden Deutung mutlos wirkten. Dann gab es noch die schnelle Betonung, dass Gott so etwas wie Corona nicht als Strafe schicken würde.

Was soll man denn auch dazu sagen, wenn das Leben ins Wanken gerät und wir merken, wie fragil unser Leben ist? Ein bequem eingerichtetes Leben, auf das wir meinen ein Recht zu haben, was wir auch gerne religiös und mit Gebeten zu untermauern versuchen? Auf das wir letztlich aber kein Recht haben. Sollen wir Gottesdienste gegen die Pandemie abhalten, um so wenigstens ein wenig Systemrelevanz herzustellen, was man aber selber nicht wirklich glaubt?

Zumindest wurden die Predigerinnen und Prediger, die Corona als Strafe Gottes verstanden durch die verkrampften Mutmachversuche der einen und das beherzte Schweigen der anderen übertönt.

Corona ist wie das Leben. Es gibt eine Fülle an zutiefst sinnlos erscheinenden Situationen, die sich aufgrund dieser Natur einer sinnhaften Deutung entziehen. Dieses mal gab es nur eine größere Zahl von Betroffenen: Die Sinnlosigkeit hatte nun aber pandemischen Charakter. Das Leben, dem wir so gerne einen Sinn beilegen und es tatsächlich als Menschen auch müssen, „funktioniert“ nur, weil es die Begrenzung durch das Sinnlose hat. Das Leben „funktioniert“ nur, weil es diese sinnlose Grenze des Todes hat, der Sinn ermöglicht. Die Sinnhaftigkeit, die wir in mitteleuropäischen Breiten heute gerne mit Bequemlichkeit, Freizeit und Fernreisen herstellen, zerbröselte. Wir müssen in manchen TZeilen des Lebens tatsächlich bei Nuill anfangen. Das Sinnlose entzieht sich einer sinnhaften Antwort auf das große „Warum?“ Es setzt uns vielmehr auf Null zurück. Und man muss neu Sinn entdecken und zwar genau an dem „Warum?“ vorbei. Indem man versteht, dass das Leben nicht nur Corona ist, sondern eine Menge mehr.

Es ist Corona und wir als Kirche haben keine Deutung. Weil die Deutung in dem radikalen Zulassen des Sinnlosen würde. Das Sinnlose, das auch wir als Kirche so gerne wegpredigen oder so gerne Verschweigen und so gerne wegprophetieren. Auf diese Wortschöpfung bin ich nicht stolz!

Das Sinnlose ist sinnlos. Und entzieht sich darum einer sinnvollen Deutung. Der Mensch übertreibt es manchmal mit den Deutungen und der Suche nach Sinn. So scheint es. Überall ist der Sinn dann eben doch nicht zu finden. Schon gar nicht im Sinnlosen.

Auf eine sinnlose Situation gibt es von der Bibel her vielleicht nur eine einzig mögliche Deutung. Die folgt nun!

Nach einer eingehenden biblischen Zusammenschau kommen wir zu folgenden Urteil: Die Bibel findet Corona doof. Mehr gibt es wohl nicht zu sagen.

Also aufhören zu grübeln und sich selber wieder ins Leben einladen!

Wem das zu wenig ist, der sollte sich nochmal alle Deutungsversuche der letzten Monate anschauen und die damit verbundene Selbstüberhöhung oder Selbstverkrampfung.

Im Leben wird der Sinn nicht immer gleich mitgeliefert. Sondern es entsteht der Sinn nicht in der Studierstube der Deuter, sondern im Vollzug des Weiterlebens und dem damit verbundenen Neuentdecken. Eben im sich das Leben zurückerobern, trotz Sinnlosigkeit.

Die Kirche hat aus den Menschen, der Verdacht legt sich nahe, einen humanem intellectualis gemacht. Aber das ist seit je her das Problem der Theologie. Der Vorrang des Denken vor dem Lebensvollzug. Erst denken und so sich selber Sinn stiften, als losgehen und Sinn entdecken, selbst nach dem Sinnlosen.

Um es mal ganz anders auf den Punkt zu bringen: Sinn ist kein theoretisches Konstrukt, herstellbar in den Studierstuben der Theologen. Oder Psychologen. Oder Wirtschaftstheoretiker. …

„Die Bibel findet Corona doof“ ist natürlich eine Provokation. Gegen das Schweigen, gegen das Labern und gegen vereinnahmende Deutungen. Aber es bringt es vielleicht auf den Punkt, was wir manchmal mit ewig aufgepusteten Wortwolken dann doch nicht auf den Punkt bringen können. Das Sinnlose ist nicht in Sinnenhaftes umbuchbar. Durch keine Deutung. Sondern Sinn entsteht im Nachhinein, wenn man durch das finstere Tal hindurchgekommen ist.

Sinn kann nicht am grünen Schreibtisch produziert werden, sondern ereignet sich. Aber nur im Vollzug des realen Lebens und nicht als Theorie. Sinn ist eben dann doch mehr die Erfahrung, als das Wollen.

Was die Bibel über Corona denkt? Im Prinzip nichts. Sie erzählt nur von Menschen. Menschen, die durch das finstere Tal gehen müssen und so vergleichbare Erfahrungen machen. Aber spannenderweise deutet Psalm 23 das finstere Tal eben nur als solches. Es wird beschrieben als das, was es ist: Finster. Ohne Deutung, ohne Sinnvereinnahmung. Das ist im übrigen die Grundstimmung der Psalmen an so vielen Stellen. Wird Zeit, das neu zu entdecken.

Angeregt durch einen Beitrag von Notger Slencka auf Zeitzeichen.net: „Was haben wir zu sagen?“

https://zeitzeichen.net/node/8365

Peter Hahne: Ein merkwürdiger Aufschrei aus einem virengeschützten Arbeitszimmer

Es ist immer einfach, wenn man keine Verantwortung für andere Menschen hat, sich lautstark zu positionieren. Dann kann man aus seinem Arbeitszimmer heraus flammende und wohl geformte Sätze aufschreiben, die für Emotionen sorgen. Dabei ist man aber immer auf der sicheren Seite. Man braucht nicht mal eine Maske! Denn so ein dummer Virus verbreitet sich ja nicht via Internet, sondern durch Begegnung von Menschen. So kann man getrost vor seinem Laptop sitzen und voller Leidenschaft ein Plädoyer für Kirchenkampf schreiben und alte Zeiten beschwören wo man genau das getan hat. Man ist auf jeden Fall sicher. Weil man nicht auf Risikogruppen achten oder das Singen vermeiden muss. Man hat keinen Kontakt. Außer diese hingeworfenen Zeilen, die sich auch schnell verbreiten

Lieber Herr Hahne, wenn Kirchen sich gegen Diktaturen positionieren, ist das Kirchenkampf. Aber wie bitteschön sollen sich Kirchen gegen den Virus positionieren und das dann auch noch als Kirchenkampf verkaufen? 

Weil man sich in einer Demokratie an Hygienevorschriften hält, ist das kein Zeugnis für Zeitgeistkirche, sondern für: Wir sind als Kirche endlich in der Gesellschaft angekommen und verstehen uns als das, was wir sind: Ganz normale Menschen! (Das war jetzt ein Satz mit zwei Doppelpunkten, was von der Wichtigkeit zeugt!)

Wir kommen in einer Gesellschaft an, auch wenn diese Gesellschaft eine Kirche nicht mehr braucht. Das ist aber ein anderes Thema. 

Und hier liegt, wahrscheinlich, Ihr Denkfehler: Den Fakt der fehlenden Relevanz von Kirche mit dem Einhalten und Respektieren von Hygienemaßnahmen zu vermischen.

Die Schlußfolgerungen, die Sie ziehen, zeugen davon, dass Sie aus einem geschützten Raum heraus agieren. Eben kaffeetrinkend, vor dem Laptop sitzend und dabei die wortreichen Zeilen in die Tastatur klopfend. Aber dabei keine Verantwortung tragen für Menschen, die in Kirchen sich anstecken könnten… Wer das schreibt, ist kein Kämpfer gegen die Säkularisierung und Selbstmarginalisierung der Kirche, sondern hat ein klein wenig Nachholebedarf im Verständnis von Demokratie und wie man Freiheit verstehen sollte. Freiheit ist die Fähigkeit, auf Freiheiten zu verzichten. Das anzuerkennen, eröffnet eigentlich Perspektiven. Dadurch verschwindet Kirche nicht in der Bedeutungslosigkeit, sondern erkennt ihre fehlende Relevanz um so deutlicher und kann sich neu auf den Weg machen.

Ich vermute mal, Sie schützen ihren Laptop vor Viren und Angriffen von „draußen“ und geben dafür sogar Geld aus. Weil Sie genau wissen, dass Sie als Internetnutzer zur Risikogruppe gehören. Warum verzichten Sie nicht genau darauf, schalten die Antivirenprogramme aus und positionieren sich so als postmodernen Kirchenkämpfer, der über den Dingen zu stehen vermag?  

https://www.tagesschau.de/inland/ostern-gottesdienste-101.html

https://www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/peter-hahne-kritisiert-kirche-im-corona-zeitalter;art310,208665

https://www.kath.net/news/70987

Nachtrag vom 23.6.2020: Wie Peter Hahne glaubhaft versichert, sitzt er nicht in seinem virengeschützten Arbeitszimmer, sondern ist unter Menschen. Das ist ganz nett, ändert aber nichts am Inhalt des Artikels.

Erstaunlich: Kirchenmenschen sind in Zeiten des Lockdowns erstaunt darüber, dass Kirche nicht systemrelevant ist

Baumärkte durften nach dem flächendeckenden Herunterfahren des öffentlichen Lebens im März 2020 in manchen Bundesländern geöffnet bleiben. Kirchen hingegen mussten überall schließen. Die Begründung für diese Differenzierung liegt im Begriff „systemrelevant“. Und so gab es kirchlicherseits ein großes Erstaunen darüber, dass man als „nicht-systemrelevant“ eingestuft wurde.

Das wirklich Erstaunliche daran aber ist, dass Kirchenmenschen erstaunt waren. Denn dass die Kirche keinerlei Relevanz mehr hat, geschweige denn eine gewisse Systemrelevanz, ist seit Jahren offenkundig. Darauf hätte man auch schonmal vorher kommen können. Aber wir Kirchen haben einfach zu viele Mechanismen in unseren Tagesablauf oder Kirchenjahr eingebaut, um diese Erkenntnis zu verhindern. Wir fahren zu Konferenzen, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und beschwören unsere eigene Wichtigkeit. Wir schaffen uns immer wieder bei solchen und ähnlichen Punkten das gute Gefühl des Bedeutsamen. Aber egal, wie wichtig wir uns fühlen mit der Bibel unterm Arm, die Wahrnehmung der Menschen, die schon seit Jahren keine Bibel mehr lesen, ist eine ganz andere. Sie nehmen uns eben gar nicht mehr war. Sie geben uns keine Bedeutung.

So muss man feststellen, Kirche ist nicht nur nicht systemrelevant, sondern gar nicht mehr relevant. Erstaunlich, wer sich darüber jetzt aufregt.

Corona und die historisch-kritische Methode

In solchen Zeiten, in denen Online-Gottesdienste nicht mehr diskutiert, sondern Standard sind, bekommt man viele Predigten zu hören und sogar zu sehen. Das ist spannend, oft inspirierend. Und manchmal irritierend. Und es fördert vor allem eine Einsicht.

Ich will es mal so formulieren: Wer nach dem Hören der vielen Predigten immer noch der Meinung ist, dass wir keine historisch-kritische Methode brauchen, um die Bibel zu verstehen, der hat es irgendwie nicht verstanden. 

Zur Zeit geht es immer nur um Corona und alle Propheten profilieren sich, um die Deutungshoheit über die Situation zu erlangen. Aber wenn diese Zeiten mal wieder vorbei sind, werden wir uns wieder unseren Lieblingsschlachtfeldern der Theologie widmen. Darauf freue ich mich. Und es wird wieder um das rechte Verständnis der Bibel gehen. Und die Diskussionen um die historisch kritische Methode. Es wird ja zur Zeit ein Kampf gegen diese Herangehensweise an die Bibel geführt und die Leute, die diesen Kampf führen, und statt dessen die Verbalinspiration der Bibel ins Felde führen, werden wohl bald als Heilige oder zumindest als Glaubenshelden verehrt werden. Was etwas verwunderlich ist, da schon Karl Barth als falsch bewertet hat, aber irgendwie ist der auch in Vergessenheit geraten.

Ich halte die Verbalinspiration aus Barthschen Gründen (IV/I) für einen Denkfehler, mit der man die Bibel nicht rettet, sondern kaputt macht. Ich verstehe, dass man den Eindruck hat, wenn man nur historisch-kritisch liest, die Bibel auch kaputt macht. Aber das ist kein Einwand gegen diese Methode. Und in solchen Zeiten, wo die Predigten gerade von Freikirchen und Jugendkirchen frei hause geliefert werden und man nichts tun muss, wird es überdeutlich: Ohne historisch kritische Methode ist die Bibel eine nur noch eine Fundgrube. Eine Fundgrube, in der ich mich nur noch finde, aber bestimmt nicht Gott.  Es ist ein Ort für meine Wünsche, für meine ureigensten Interessen, die ich damit geistlich zu legitimieren suche. Aber nicht ein Buch, das zum Wort werden kann, mit dem ich angesprochen werde.

Es wird in solchen Zeiten deutlich, dass die Bibelauslegung ohne die historisch-kritische Methode der Bibel und damit Gott nicht gerecht wird. Der ist nämlich geschichtlich geworden. Das vergessen wir nur leider viel zu schnell. Und so stehen wir in der Gefahr, unsere Frömmigkeit zu überhöhen und zum Eigentlichen zu machen und zur eigentlichen Geistlichkeit. Das erzeugt viel Aufmerksamkeit, aber dadurch wird es nicht wahrer.

Wir brauchen das Suchen nach den Wurzeln von Textbedeutungen, sonst machen wir die Bibel kaputt. Man hat immer auch einen Standpunkt jenseits dieser Quellen. Aber wer sich das nicht vergegenwärtigt, liest die Bibel in einer unzulässigen Weise.

Manchmal ist es besser mit keiner Botschaft anzufangen, um eine Botschaft zu formulieren: Oder. Corona und kirchliche Predigt sind keine Freunde

Es ist wirklich mehr als kompliziert in Zeiten der Coronapandemie mal etwas anderes zu denken als daran, welche Auswirkungen dieser Virus auf das Leben hat. 
Die Kirche versucht nun, einen Umgang damit zu finden. Die Livestreams, die aus dem Internetboden schießen, sind unüberschaubar. So hat man jedenfalls das Gefühl, weil es eine Menge Kirchen gibt, die in Zeiten von Kontaktverbot, so Kirche in neue Formen gießen und Kontakt neu definieren. Das ist erstaunlich und bewundernswert. Ich will am Anfang wirklich meine Wertschätzung Ausdruck verleihen. Das meine ich ehrlich. Es sind tolle Projekte und mit Hingabe wird da einiges erreicht. 

Was mich ein wenig verunsichert, sind die Botschaften, die in die Welt gestreamt werden. Denn es gibt meistens die Hinweise, dass man in Zeiten von Angst und Panik keine Angst und keine Panik haben bräuchte. Weil Gott ja helfen wird. Das hört sich sehr christlich an. Mag sein. Aber diese Aussage ist so grundsätzlich, wird mir aber viel zu schnell verteilt. 
Mir geht es so, dass ich über die aktuellen Entwicklungen staune. Die Dynamik, in der wir stecken, wo wir jeden Tag neu überrollt werden von Informationen und damit verbundenen Bewertungen, die unser Leben immer mehr reduzieren. Ich staune, weil Sicherheiten wegbrechen und wir noch gar nicht wissen, was das mal bedeuten wird. Es ist ein unsicheres Staunen, kein bewunderndes. Weil viele Menschen sich an einen neuen Rhythmus gewöhnen müssen, während andere auf eine berufliche Überforderung zusteuern, weil sie das Gesundheitssystem am Laufen halten müssen. Selbstverständlichkeiten brechen weg und werden zu Fragezeichen. Wir müssen irgendwie viele Dinge neu regeln – Und jeden Tag gibt es einen neuen Reglungsbedarf. 

Ich bin weit weg von Panik und Angst. Mein Humor habe ich nicht verloren. Was auch stimmt: Ich mache mir Sorgen um Menschen, die zu den Risikogruppen gehören und an deren Grab ich in naher Zukunft nicht stehen will. Meine Sorge ist weit weg von Panik, Angst und Hoffnungslosigkeit. Mein Zustand ist eher der des sorgenangereicherten ungläubigen Staunens. 
Darum tue ich mich auch schwer, so vielen Autoren und Rednerinnen von christlichen Internet-Botschaften zuzuhören. Denn dort wird in einer Art kurzschlusstheologischer Emsigkeit vor Panik, Hoffnungslosigkeit und Angst gewarnt. Ich habe aber den Eindruck, dass man erst mit eindringlichen und betroffen Stimmen genau das erzeugt, um hinterher eine schöne Bibelstelle draufzukleben. 


Ich hätte mir Livestreams gewünscht, die auf emotionsüberladenen Stimmen verzichten, wo man stimmlich Hoffnung hervorpressen will, indem man betont wie sehr man Gott vertrauen könne, weil man unter dem Schirm des Höchsten sitzt oder das Blut Jesu stärker sei, oder ein geweihtes Wasser purer Segen bedeutet. 
Was gut gemeint ist, betrifft aber vielleicht nur einen Teil der Menschen. Denn die meisten Menschen sind noch im Modus, des Zurechtfindens und Überfordertseins. Darum hätte es noch ganz andere Botschaften geben müssen, als diese gängigen, die nun überall zu hören sind. Wenn Kirche es mit ihrer Kurzschlusstheologie nicht übertreiben würde, könnte sie relevant werden. 


Kurzschlusstheologie bedeutet in diesem Fall, die überstarke Vereinfachung von Realität und das Herstellen von, etwas aufgesetzten, Zusammenhängen. Das geht in Coronazeiten so: Ein solche große Krise, wie die aktuelle, erzeugt bestimmt Angst und Panik und Christen setzen dagegen, dass Gott helfen wird. Manche setzen noch einen drauf und ergehen sich in Appellen, mehr denn je zu beten, weil das Gebet eine Macht ist, man müsse ja nur darauf vertrauen. Dann wird alles anders werden.


Ich finde, dass Kirche in solchen Zeiten etwas zurückhaltender sein sollte mit panikerzeugenden Predigten gegen die Panik, mit Parolen, die am Ende zu flach sind und darum zu Recht verhallen werden. Die Welt da draußen ist gar nicht hoffnungslos, (weshalb es keine Bibeltexte über Hoffnung zur Zeit braucht – was aber noch kommen kann), sondern im Modus des sich neu Erfindens und das jeden Tag. Das ist mit Unsicherheit verbunden und auch Sorgen, auch Überwältigtsein. Aber anstatt über Angst zu reden, sollten wir nicht sagen, was man zu unterlassen hat (Nicht in Panik verfallen, keine Angst haben usw.), sondern, was man konkret machen kann. 

Wer erst Panik schürt, um hinterher ein Bibelvers draufzulegen, ist nicht glaubwürdig


Und das fängt damit an, die Unsicherheit zu zulassen und erstmal die Klappe zu halten und auf alle möglichen Botschaften zu verzichten. Das heißt nicht, dass man nichts sagen kann. Aber was man sagen sollte, sollte nicht im Panikmodus, den man zu bekämpfen sucht, verfasst sein. Die Botschaften sollten in der Momentaufnahme bestehen, das Anerkennen und Registrieren von Krise, von manchmal Nicht-Wissen, was man machen soll, von neuen Möglichkeiten, die sich ergeben, von geforderter Leidenschaft und Kreativität, von einem anstehenden Neusortieren angesichts von Überforderung, Verdrängen und manchen Sorgen.

Ich jedenfalls staune, über diese Krise und das etwas abschreckende Krisenmanagement mancher Kirche. Wobei… das ist auch nebensächlich. Hauptsächlich staune ich wie zerbrechlich unser gewohntes Leben ist… Und welche Herausforderungen das mit sich bringt. Das überblicke ich noch gar nicht. 

Da bin ich froh, über die Streams und Podcast, die dieses Gefühl erst einmal aufnehmen und gekonnt in Sprache kleiden…

Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde

Es gibt offensichtliche Punkte, an denen man festmachen kann, warum Kirche für die meisten Menschen heute keine große Rolle spielt. Das verlorene Vertrauen in die Institution durch Skandale spielt hier etwa eine große Rolle. Aber es gibt auch solche Faktoren, die auf den ersten Blick nicht auffallen und die dennoch eine große Bedeutung haben. Wenn man daran gehen möchte, den christlichen Glauben für moderne Menschen wieder attraktiver zu machen, müsste man sich um diese tieferliegenden Punkte kümmern. 
Einer dieser Punkte ist das christliche Menschenbild. Meiner Meinung nach gehört das gründlich revidiert und modernisiert. 
Wobei es dieses eine christliche Menschenbild so nicht gibt. Jeder Mensch hat so seine eigene Vorstellung, wie der Mensch tickt. So hat auch jede Predigerin und jeder Predigt eine eigene Herangehensweise an das Thema. Diese eigene Herangehensweise ist damit durchaus spannungsvoll zu den überlieferten dogmatischen Einsichten. Denn diese konzentrieren sich ganz und gar auf die Sündhaftigkeit des Menschen. Die theologischen Grundfesten und Glaubensüberzeugungen nehmen hier ihren Ausgangspunkt. Es geht vielleicht noch um das Thema der Ebenbildlichkeit des Menschen, die evangelisch gedacht, ganz, und katholisch gedacht, zum größten Teil verloren gegangen ist. Eben durch die Sünde. Das was die Kirche beim Menschen also zunächst und in aller epischen Breite thematisiert ist die Sünde. Das zeigt sich auch in den Liturgien der beiden Volkskirchen. Das Sündenbekenntnis oder die Eucharistie ist notwendiger Bestandteil eines jeden „richtigen“ Gottesdienstes. 
Die Spannungen für Theologinnen und Theologen kommt also aus dieser dogmatischen Positionierung, die aber heute mit dem Leben wenig zu tun hat und die moderne Menschen, völlig zu Recht, abschreckt. Die Kirche ist so auf die Sünde fixiert, dass sie vergisst den Menschen als solches zu würdigen. Dass die Erbsündenlehre dabei eine große Rolle spielt, die man mal endlich abschaffen sollte (nicht weil ihr Anliegen falsch wäre, sondern weil die Lehre an der Bibel völlig vorbei geht), sei hier nur am Rande erwähnt. 
Die Gottesdienste oder auch Glaubensgrundkurse wie der Alphakurs zeigen ein Menschenbild, das so einseitig ist, dass es Menschen abschreckt. Dass die meisten Menschen, die auf Kanzeln stehen, wesentlich differenzierter predigen und sich nicht durch diese dogmatische Verengung verleiten lassen, führt zu der angedeuteten Spannung. Die Dogmatik wurde von der Realität längst überholt. Der Mensch ist nicht völlig verderbt und nicht alles, was er ohne Gott macht, ist Sünde. Das ist gute dogmatische Position, aber führt zu einem derart verkürzten und undifferenzierten Menschenbild, das vielleicht noch geeignet ist, um Scheinheiligkeit zu erzeugen, aber nicht Menschen im 21. Jahrhundert anzusprechen und Glauben wieder attraktiv zu machen. 
Wenn Kirche wieder relevant werden will, braucht sie endlich ein differenziertes Menschenbild. Eines, das auch dogmatisch verankert sein müsste. 
Die Kirche hätte hier einen mehr als einen stabilen Anknüpfungspunkt, um Menschen zu erreichen. Denn in der Gesellschaft gibt es zwar die verschiedensten Menschenbilder. Aber auch da sind die meisten eine Verkürzung des Menschen. Das was Kirche falsch gemacht hat, indem sie den Menschen reduzierte auf seine schlechten Seiten, macht man heute immer wieder, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Die heute kursierenden Menschenbilder sind unzulässige Reduzierungen und Vereinfachungen. Damit wird man dem Menschen auch nicht gerecht und Kirche hätte hier sogar etwas zu sagen, wenn sie ihren eigenen Fehler erkennen und beheben würde. 
Das christliche Menschenbild, sofern man davon reden will und darf, bietet eine Sicht auf das Leben, die so weltfremd und in gewisser Weise menschenmissachtend ist, dass es einer Korrektur bedarf. Denn diese Sicht ist nicht nur nicht attraktiv, sondern auch eine Reduzierung der biblischen Weite und Differenziertheit, wenn sie den Menschen thematisiert. Die Würde des Menschen, seine Hingabe, seine Leidenschaft, seine Kreativität, sein Scheitern – all das müsste in einem christlichen Menschenbild beschrieben werden können. Dann würden Menschen auch wieder Vertrauen gewinnen.Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde

Wie man in einer apatheistischen Gesellschaft Glauben begründen könnte

Früher war die Welt etwas einfacher gestrickt und damit etwas übersichtlicher. Die Kirche sah sich immer wieder neuen Fronten gegenüber. Das waren etwa die Philosophen, die den Gottesgedanken unterwanderten, das waren die Naturwissenschaftler, die ihr Recht auf Eigenständigkeit durchsetzten und so das kirchliche Weltbild tüchtig durcheinander wirbelten, das waren die Psychologen, die der Kirche das Letzte nahmen, was sie hatte: den Menschen selber. Aber bei all diesen Kämpfen, die in den letzten Jahrhunderten ausgetragen wurden und die für Kirche schnell zu Rückzugsgefechten wurden, hatte man wenigstens klar umrissene Feindbilder. Wobei Feind vielleicht der falsche Begriff ist. Es gab auf jeden Fall zu jeder Zeit ein deutliches und klares Gegenüber für die Kirche. Gegen dieses konnte man wettern, argumentieren, apologetisieren, sich verschanzen. Je nachdem, wie die gesellschaftliche Großwetterlage gerade war. Das waren noch Zeiten, wo man es mit echten Atheisten zu tun hatte! Da waren Auseinandersetzungen wenigsten noch möglich! 

Heute ist die diese aber nochmal ganz anders. Denn der normale Mensch entzieht sich immer mehr der Kirche und ihren Missionsversuchen. Viele Menschen, vor allem die jüngeren, sehen in den Kirchen keinerlei gegenüber, nicht mal ein echtes Feindbild. Kirche ist den meisten Menschen schichtweg egal. Aus den Atheisten wurden Apatheisten. Das sind solche, denen die Kirche, der Glaube, einfach nur egal ist. Sie denken nicht über Kirche nach und sammeln keine Argumente gegen Dogmen und christliche Vorstellungen. Sie leben ihr Leben. Und in diesem Leben taucht Kirche überhaupt nicht auf. Nicht, weil man Kirche bewusst hinausgedrängt hätte. Nein, weil man sie schlichtweg übersieht. Warum sollte man sich mit etwas beschäftigen, was keinen Mehrwert bietet, was zum Leben nichts zu sagen hat, was sich selber irgendwie überholt hat? Aber diese Fragen sind schon zu differenziert für Apatheisten. Ein echter Apatheist stellt in Bezug auf Kirche keine Fragen. Weil er keine hat. 

Das stellt alle Kirchen vor eine große Herausforderung. Denn die meisten Ansätze in den Kirchen, um Glaube zu erklären, gingen von der These aus, dass Gott, die anthropologische Grundbedingung schlechthin ist. Gott ist eine Denknotwendigkeit. Das kann man auf dem 2. Vatikanischen Konzil so definiert, das hat man theologisch auch in der evangelischen Welt so gelebt und bis hinein in moderne Glaubensgrundkurse, wie dem Alpha-Kurs etwa, ist das der gedankliche Ausgangspunkt. 
In Zeiten von klar umrissenen Feindbildern oder Diskussionspartnern mag das sinnvoll erscheinen. Aber diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Wir leben in den Zeiten der Interessenlosigkeit und Egalität gegenüber Kirche und ihren Aussagen. 

Das scheint heute eine Art Naturgesetz zu sein, dass Menschen heute mit so vielen Dingen beschäftigt sind, dass die Kirche damit automatisch aus dem Blick verschwindet. Es ist eben völlig unspannend, wie die der Kampf um die Meisterschale in der Bundesliga gerade verläuft, wenn man sich für Fußball nicht interessiert. Das Thema kann so gewichtig in der Werbung, in den Medien oder bei Freunden auftauchen, wie es will, es bleibt völlig irrelevant. 

Wen Kirche Relevanz herstellen will, muss man vielleicht endlich mal in einen Schritt gehen, der etwas unerhört ist: Man sollte sich vom Gedanken, dass Gott die schlechthinnige menschliche Grundbedingung ist, verabschieden. Das fällt schwer, weil wir meinen, damit Gott klein zu machen als Gott, als Schöpfer… Dabei hatte Gott nie ein Problem damit, sich klein zu machen. 
Durch den dadurch gewonnen Standunkt, könnte man Glauben ganz neu entfalten. Aber nicht mit einer, für Apatheisten gefühlten und wahrgenommenen, aufgesetzten Dringlich-und Notwendigkeit. Sondern mit einem Überraschungsmoment. Der Ausgangspunkt für die Begründung des Glaubens wird nämlich ein neuer: Das Lebens selber. Gott verschwindet. Zunächst. Er ist nicht der Startpunkt der Glaubensbegründung, sondern der Zielpunkt. 

Ich verweise ausdrücklich auf folgenden Artikel: Die Relevanz des Glaubens neu lernen von Jan Loffeld, wobei seine Schussfolgerungen hier nicht geteilt werden. Aber als Einstieg in das Thema gut geeignet. 
https://www.domradio.de/sites/default/files/pdf/art._relevanz_des_glaubens_neu_lernen.pdf 

Ein weitestgehend ähnlicher Artikel von Loffeld ist hier zu finden: https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/zpth/article/view/2294

Eine Studie hat geholfen, um die apatheistische Gesellschaft zu erkennen:
D.Pollack/G. Rosta, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt 2015; J. Stolz/J. Könemann u.a. (Hg.), Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des Unglaubens, Zürich 2014.

Mehr desselben ist eine dumme Strategie

Es gibt ein menschliches Phänomen. Es geht um den Punkt, wenn Menschen in Sackgassen oder Krisen geraten. Dann gehen wir in einer bestimmten Art und Weise heran, um das Problem zu lösen, aus der Sackgasse herauszukommen oder die Krise zu beenden. 
Menschen haben zwar eine bestimmte Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, aber wir nutzen davon sehr wenige. Wir reduzieren uns selbst auf meistens eine Möglichkeit, um zu reagieren und zu handeln. 
Nun kommt es zu dem Phänomen: Wenn durch den eingeschlagenen Weg, die Krise zu beenden, sich die Situation aber nicht ändert, ändern die meisten Menschen nicht ihre Strategie. Nein. Sie machen genau das gleiche weiter. Immer wieder. Aber mit einer größeren Intensität. Das Motto: Mehr desselben muss doch endlich den Durchbruch bringen. 

Beispiel: Wenn Reden in Krisen nichts bringt, dann fangen wir an zu schreien. Wenn meine Erziehungsmethode nicht klappt, ändere ich die nicht, sondern werde nur energischer. Wenn mein Gegenüber auf meine Wünsche nicht eingeht, dann werden aus aggressiven Andeutungen offensichtliche Drohungen. Usw. 

In der Krisen-Beratung ist einer der wichtigsten Punkte der, dass man das bisherige Muster erkennt und beseite lässt, einfach mal etwas anderes ausprobiert. Das erfordert ein wenig Mut, manchmal ein etwas anderes Verständnis. Aber es bringt immer etwas in Bewegung. Aus Sackgassen werden so neue Wege. 

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kirche es genauso macht, wie krisenbehaftete Menschen oder Gruppen. Anstatt ihre Strategie zu ändern und mit ein wenig Mut und Kreativität, mal neue Wege zu gehen, beharrt man auf dem Alten. Und das nach dem Motto: Mehr desselben. Man steckt noch mehr Energie in die alten Wege, in die alten Überzeugungen. So kommt es dazu, dass man heute mehr Begeisterung für Jesus fordert, mehr Einsatz und mehr Leidenschaft. Das ist nichts Schlechtes! Wirklich nicht. Es hilft nur nichts. Im Gegenteil. Irgendwann wird es zur Überforderungskommunikation, die Menschen aussteigen lässt. Das ist das Problem der Jugendkirche oder sich jugendlich gebenden Kirchen oder Predigerinnen. Irgendwann hilft es nicht mehr weiter, dass alles „mega“ und alles „super“ ist und wenn Menschen hören, dass sie die besten Kirchgänger der Welt sind, wird es bald zur nichtsaussagenden Floskel. 
Mehr vom Alten, hilft nicht weiter. Wir brauchen eine Start up – Mentalität, die aber nicht nur äußere Formen neu bedenkt, sondern auch die theologischen Grundlagen neu denkt. 
Wir müssen neue Wege gehen. Aber Kirche hat sich meistens darauf verlegt, einander zu kopieren und eins drauf zu setzen. Mehr desselben eben. 
Wir sollten neue Wege gehen, die damit beginnen, dass man die alten Wege eben nicht gehen will. Das hört sich einfach an, aber wie gesagt, es gibt dieses menschliche Phänomen, dass wir Menschen uns in Krisenzeiten auf eine Handlungsmöglichkeit reduzieren und mit dem Kopf durch die Wand wollen. Das geht schief. Und wir als Kirchen leben jeden Tag den Beweis, dass wir Menschen uns manchmal zu sehr einschränken, anstatt mal was Neues auszuprobieren. In aller Freiheit. 
Wir leben als Kirchen in Krisenzeiten. Zeit, die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Gott ist Liebe! … ist das alles?


Die moderne Kirche, vor allem protestantischer Prägung in allen Varianten, predigt heutzutage (fast) nur noch, dass Gott Liebe ist. 
Das ist sehr beeindruckend, weil man allerorten das Gefühl hat, dass man die falschen Gottesbilder endlich hinter sich gelassen habe und den wahren Kern der Bibel herausgeschält hätte: Gott ist Liebe. Das ist der Gipfel der Theologie, das ist die Tiefe der Bibel und das ist das, was man heute noch über Gott sagen kann. Und darf. 
Gott ist die Liebe schlechthin. Das ist der theologische Grundstandard und darin fühlt man sich nun zu Hause. Alles wird nun durch diese Brille neu gesehen. So wird die Bibel zu einem einzigartigen Liebesbrief Gottes. Die Lieder in den Gottesdiensten werden immer emotionaler und liebesbetonter. 
Es könnte so schön sein. Wenn es nicht eine unzulässige Reduzierung wäre. Ich bin nicht sicher, ob diese Entwicklung aufgrund intensiver theologischer Arbeit stattfindet, oder nur, weil man genau diese verweigert mit seinen üblichen Brillen einfach die Bibel liest. 
Wie auch immer. Das Ergebnis ist eine einzige Katastrophe. Denn das Leben ist mehr als Liebe. Das Leben ist voller Widersprüche, voller Brüche und voller großer und kleiner Katastrophen. Das Leben ist merkwürdig und spannungsvoll, ist, um es auf den Punkt zu bringen, eine Menge mehr als Liebe. 
Man muss die folgende Beobachtung nicht teilen. Aber vielleicht regt sie an, seinen theologischen Blickwinkel mal wieder zu erweitern 
Die Liebe ist nicht immer der Ausgangspunkt, um Gott zu verstehen. Das ist in der Bibel meistens der Begriff Gerechtigkeit. Dieser Begriff, der aufgrund der lutherischen Reduzierung, heute immer mehr wegbricht, ist als Ausgangspunkt, um Gott zu verstehen, besser geeignet. Denn das Grundproblem der Menschen zu allen Zeiten ist die Gerechtigkeit. Was gerecht ist, wie gerechtes Leben aussieht – das sind die Urfragen der Menschen, die immer gestellt werden. Offen und verdeckt. In jedem Wahlkampf, in jeder Auseinandersetzung zwischen Kindern. Gott als die Liebe ist die Antwort auf dieses Problem und diese Urfragen. 
Der Begriff der Gerechtigkeit ist besser geeignet, um die Tür zu einer lebensnahen Theologie aufzustoßen, als die Reduzierung auf die Liebe. Dazu wäre aber eine gewisse theologische Arbeit notwendig, die sich den biblischen Texten stellt und das Leben im Blick behält. Die eben die allgemeinen Sprachblasen, die auf Kanzeln und Bühnen erzeugt werden, überwinden würde Das Ziel wäre es, die Tiefe der Bibel zurückzugewinnen in all ihren Facetten. Denn genau das passiert bei dem Einschießen auf den Gott der Liebe als Ursprung und Ziel: Wir reduzieren das Leben und damit Gott auf unzulässige Weise und schießen uns selber als Kirchen ins Abseits, weil wir nichts mehr Relevantes zum Leben zu sagen zu haben. 
Wer heute relevant predigen will, müsste sich vielleicht doch mal wieder der Bandbreite der biblischen Begriffe zuwenden und ernsthaft nachdenken, ob meine Reduzierungen aufgrund theologisch gewichtiger Entscheidungen vorgenommen werden, oder aufgrund von der Verweigerung der theologischen Arbeit.

Vielleicht verwechseln wir in unseren Predigten auch einfach nur den biblischen Gott der Liebe mit unseren romantischen Vorstellungen von Liebe und projizieren diese auf Gott?

Es fühlt sich ein wenig so an.